Bevor ich nun die letzten Sonnenstrahlen des Jahres mit letzten Gartenarbeiten in diesem Jahr genieße, will ich doch an meine Freunde in SOKRATES denken und von ihnen erzählen. Teil 160:

Uri Bülbül
Antonio begrüßte die meisten seiner Gäste persönlich und viele kannte er auch, was man so „kennen“ nennen konnte: oberflächlich von Smalltalks und über Dinge, die er um die Ecke gerüchteweise von den Menschen erfuhr, die zu ihm zum Essen kamen. Das reichte Antonio, er glaubte, ein Menschenkenner zu sein. Wissen ist wie Gestrüpp, dachte er, man kann sich darin schnell verheddern und sich die Haut an irgendwelchen Stacheln böse aufkratzen, ohne voranzukommen. Ganz besonders galt das seiner Meinung nach über psychologisches Wissen. Doktor Lauster kannte Antonio. Der andere Mann am Tisch war ihm unbekannt. Das hätte ihn auch gleichgültig gelassen, schließlich wirkte der Mann nicht unsympathisch, wenn nicht Maria, beim Bringen der Speisekarten den Mann so freundlich und vertraut gegrüßt und ein paar Worte mit ihm gewechselt hätte. Er registrierte es und konnte jedoch seine Neugier gut zügeln, um seine Tochter nicht ausfragen zu müssen. Vielleicht war er auch ein Lehrer oder so etwas. Aber hatte er nicht ein wenig mit Maria geflirtet? Mißmutig ließ Antonio diese Frage offen. Er würde es schon herausbekommen, um wen es sich bei dem Unbekannten handelte, der mit dem Oberstaatsanwalt zu Tisch saß. Niklas hatte den grimmigen Blick des Wirtes bemerkt. «Oh, ein wachsamer Vater», ging es ihm durch den Kopf, dann aber gingen am Tisch sowohl die Gedanken als auch die Themen in ganz andere Richtungen. «Ich verstehe wirklich nicht, was es mit diesen gefälschten Nummernschildern und dem Revolver im Handschuhfach auf sich haben soll. Was ist das nur für eine Räuberpistole?» fragte Doktor Lauster. Antonio war zwar nicht weit von den beiden Herren entfernt, konnte aber nicht verstehen, worüber sie sprachen. Der Fremde hatte Nudeln mit Lachs in Sahnesauce bestellt und als kleine Vorspeise ein Tomatensüppchen. Der Staatsanwalt nahm ebenfalls die Tomatensuppe, entschied sich aber für Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat. Maria bediente sie. Zu trinken nahmen sie gleich eine ganze Karaffe Rotwein. «Er ist ein Günstling meiner Exfrau, Leo. Wer weiß, was die Herrschaften im Ministerium sich dabei denken? Ich habe ihn ja in seiner Zelle gesprochen.» «Und?» Niklas nahm einen Schluck und ließ sich mit der Antwort Zeit: «Nichts. Das heißt...» er pausierte kurz und balancierte sich Nudeln auf die Gabel. «...fast nichts!» Leopold Lauster wollte nun auch nicht den neugierigen Deppen geben. Er wechselte einfach scheinbar desinteressiert das Thema: «Du bist umgezogen, habe ich gehört Nick. Wohnst jetzt nicht mehr in der berüchtigten Nordstadtsiedlung. Wurde es dir zu heiß dort?» Hardenberg lachte: «Ja, genau. Ich dachte mir, eine kleiner Klimawechsel kann nicht schaden.» «Wenn man es sich leisten kann.» «In letzter Zeit hatte ich ein wenig Glück, oder sagen wir mal: ein bißchen mehr Glück als sonst, habe ein paar gute Referentenhonorare kassiert.» «Was hast du gemacht? Die Politik beraten? Das Innenministerium vielleicht?»

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