Ein käuflicher Investigator über "jeden Verdacht der Bestechlichkeit erhaben"? Das Geheimnis des Niklas Hardenberg in SOKRATES Teil 169:

Uri Bülbül
«Oh ja», sagte Uri Nachtigall nicht ohne Stolz, «Ich bin der Hausphilosoph des Cascando-Theaters. Es ist ein freies Theater», fügte er zur Erläuterung hinzu, was Benjamin nur ein Kopfschütteln entlockte und irritiert zu Boden blicken ließ. Er konnte mit dieser Art von Freundlichkeit und insbesondere mit der Lautstärke der Stimme des Mannes nichts anfangen. Er drängte sich an ihm vorbei und beeilte sich, nach unten zu kommen. Uri hörte ihn noch vor sich hin rumoren: «Was heißt schon frei in diesem Fall!» Der so stehen Gelassene blickte verwirrt dem jungen Mann nach. Dann setzte er schweigend und kopfschüttelnd seinen Weg in sein Zimmer fort. Dort setzte er sich an seinen Computer. Abgesehen von ein paar Spams war seine Mailbox enttäuschend leer. Kein Lebenszeichen von Ayleen. Und seine Freunde aus dem Theater schienen ihn auch nicht zu vermissen. Er öffnete das Verzeichnis „Dokumente“ und darin das Unterverzeichnis „Aesthetik und Poetik“, worin er mit dem Touchpad das Dokument namens „Poetik-Vortraege“ ansteuerte, aber kurz vor dem Doppelklick fiel ihm ein Dokument auf, das ihm fremd vorkam: „Paradieseologie“! «Wann habe ich das denn angelegt?» fragte er sich, lachte laut auf und sah sich dann erschrocken in seinem Zimmer um, als könnte ihn jemand gesehen haben und für verrückt halten.
Vor Antonios Restaurant verabschiedeten sich der Oberstaatsanwalt Leopold Lauster und Niklas Hardenberg. «War nett, mit dir geplaudert zu haben, mein Lieber», sagte der Staatsanwalt. «Ja, fand ich auch», erwiderte der Investigator noch immer ein wenig gedankenverloren und unterkühlt. Lauster konnte das gut übersehen. Ihm waren die Befindlichkeiten seines Gegenübers so ziemlich egal. Was er zu erfahren gehofft hatte, hatte er nicht in Erfahrung bringen können, wahrscheinlich weil dieser Hardenberg selbst nichts wusste. Auch die allgemeinen Plaudereien waren wenig informativ. Zur Abteilungsleiterin im Ministerium, die diesen Suthers geschickt hatte, schien er auch keinen Kontakt geschweige denn eine engere Beziehung zu haben. Alles nur Geschichte und Vergangenheit. Nicht einmal den Trennungsgrund vor Jahren, wenn nicht gar vor mehr als einem Jahrzehnt, hatte er in Erfahrung gebracht. Aber so sehr interessierte ihn das auch nicht. So war es halt, man liebte und entliebte sich wieder und verliebte sich neu. Die Sache mit dem Neuverlieben bei Niklas Hardenberg war eine Geschichte für sich. Aber deswegen wollte der Staatsanwalt keinen Stab über den Investigator brechen. Im Zusammenhang mit Pädophilie jedenfalls tauchte der Name Niklas Hardenberg nirgends auf. Etwas hilflos standen die beiden Männer für einen kurzen Augenblick einander gegenüber. Hardenberg beendete das Ganze mit dem Spruch: «Wir sehen uns dann bestimmt beim Haftprüfungstermin des Sonderermittlers.» So trennten sie sich und gingen jeder seiner Wege. Hardenberg schlenderte bewusst entspannt nach Hause. Aber da war Lausters Spruch und ließ ihn nicht in Ruhe: «über jeden Verdacht der Bestechlichkeit erhaben»

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