"Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder" (Novalis) So mache ich mich auf den Weg in einem Fortsetzungsroman SOKRATES Teil 172 ;)

Uri Bülbül
«Ich werde mich noch irgendwann mit ihm unterhalten, auch wenn er wahrscheinlich sehr gerne alleine essen mag. Schwester Lapidaria wird seinem Wunsch entsprochen und die anderen Stühle weggeräumt haben», dachte er. An dem Tisch, an dem er gesessen hatte, sah er nun Luisa und ihr gegenüber saß ein sehr alter, ein steinalter Mann, klein, schmächtig, fast nur aus Haut und Knochen bestehend. Ein seltsames Paar. Neugierig ging er an diesen Tisch, grüßte und nahm Platz. Luisa schien sich über seine Anwesenheit zu freuen. Der kleine alte Zwerg aber sah ihn fast eifersüchtig und feindselig an, da er nun das junge Mädchen nicht allein für sich haben konnte. Seine Haut schien fahl und wächsern, ein wenig gelblich und seine Augen grün und funkelnd. Obwohl er zunächst so wirkte, als könnte ihn ein Lufthauch davontragen, brannte hinter den Augen dieses alten Mannes unter seiner Schädeldecke ein prometheisches Feuer von großem Ausmaß. Seine Augen spiegelten dieses Feuer in einem brandgefährlichen Maße. «Methusalem», dachte Uri, «er wird mich mit dieser ihm innewohnenden Energie um Jahrzehnte überleben.» Luisa nahm die Verteilung des Essens in die Hand, nahm die Teller der Männer und schöpfte Hauptspeise und Beilagen darauf; erst dem ältesten am Tisch, dann der Nachtigall, dann verteilte sie den Salat und erst als ihre Tischgenossen versorgt waren, nahm sie sich selbst. Die beiden hatten ihr fasziniert und freundlich wohlwollend zugesehen. Uri Nachtigall empfand fast schon Dankbarkeit für diese ihre kleine Geste der Freundlichkeit, was natürlich recht schnell den Beigeschmack von Schneckenschleim bekommen konnte, wenn Luisa es darauf ankommen ließ. Sie sah aber freundlich in die Runde und wünschte allen einen guten Appetit. Der alte Mann schmatzte ein wenig, noch bevor er die Gabel überhaupt in die Hand nahm. «Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Marcellus Adonis Narrat. Ich bin Diplomat, Weltreisender, Geschäftsmann und auf einem Zwischenstopp Gast des DoctorParranoia auf Wunsch eines gewissen Jo Ziegler und Uri Bülbül.» «Uri Bülbül?» fragte Uri Nachtigall, «ich heiße ebenfalls Uri aber nicht Bülbül, sondern Nachtigall.» «Was nicht dasselbe ist!» antwortete der Alte verschmitzt. «Ich bin Luisa», stellte sich Luisa vor. «Entzückend, Ihre Bekanntschaft zu machen, junge Dame», sagte er, stand überraschend gewandt auf, kam um den Tisch, nahm Luisas Hand und gab ihr äußerst galant einen Handkuss. Luisa ließ es lächelnd geschehen und schien sogar ein wenig zu erröten. Uri Nachtigall klapperte demonstrativ mit dem Besteck. Was sollte das Theater? Hatten die beiden sich nicht schon unterhalten, bevor er an den Tisch kam? Hatten sie sich da einander nicht schon längst vorgestellt? Für Uri Nachtigall hatte es den Anschein, als hätte Methusalem schon längst das Mädchen für sich eingenommen und in eine kleine Verschwörung gegen den Rest der Welt, wozu nun auch Uri Nachtigall gehörte, verwickelt. «Schön, dass wir uns kennengelernt haben», brummte Uri.

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