Ich werde mich jetzt mit SOKRATES zurückziehen. Ein halbes Stündchen gönne ich mir noch mit deinem Buch. Dann sinken die Lider, Schlaf darf kommen. Gute Nacht, Uri

Philomena
Oh ja, SOKRATES eignet sich prima zum Einschlafen. Darum nun die Folge 173:
«Sie dürfen mich ruhig „Adonis“ nennen, junger Mann», sagte der Zwerg, als er wieder Platz genommen hatte; Uri Nachtigall fiel das Häppchen von der Gabel. «Herr Narrat, Sie können mir sicher eine Frage beantworten, die mir hier von einem jungen Mann gestellt wurde, für die er sich sogar, sagen wir mal ein wenig zu stürmisch eingesetzt hat: Wer schreibt uns?» Luisa stieß einen überraschten Lacher aus. Dieser Theaterphilosoph war immer für eine Überraschung gut. Was war das nur wieder für eine verrückte Frage? Adonis aber reagierte äußerst sachlich, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, danach zu fragen, wer einen schreibe. «Sehen Sie? Das ist sehr unterschiedlich. Manche von uns entspringen einem Traum oder einer Idee und sind kaum mehr als ein Lufthauch, ein Frühlingsdüftchen oder ein kalter Luftzug im winterlichen Flur eines schlecht beheizten und wärmeisolierten Häuschens.» Er lächelte vielsagend, als könnte er mit diesem Lächeln Uri Nachtigall endgültig vernichten und aus der Welt schaffen, um wieder mit Luisa ungestört zu sein. Uri und Luisa aber wechselten freundschaftliche Blicke, sie lächelte ihm sogar zärtlich zu. Nein, so leicht würde er sich nicht geschlagen geben. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht und sein Blick wurde eiskalt und messerscharf, als er Adonis wieder ansah: «Manche von uns sind also ein Frühlingsdüftchen und ebenso leicht flüchtig. Die anderen aber? Wie sind sie?» «Sie entspringen langen Erzählungen, dem Roman einer Lebensgeschichte, der schier unendlichen Tradition von Ahnen und ihren Abenteuern. Sie werden in einen Kosmos geboren, sie werden zu Trabanten wirkungsmächtiger Zentralfiguren und drehen ihre schicksalhaften Kreise ohne je die geringste Chance zu haben, ihren Orbit zu verlassen.» «Und manche sind darin zu einer tragischen Bedeutungslosigkeit verdammt, obwohl wahnsinnig viel Energie in ihnen steckt, nicht wahr?» fragte Uri Nachtigall. «Ich glaube, man kann festen Laufbahnen auch entrinnen», warf Luisa ein. «Wird sind keine bewusstlosen Monde!» In diesem Augenblick betrat Schwester Lapidaria mit zwei Polizisten den Speisesaal.
Im Ofen knisterte das Feuer. Bellarosa hatte noch ein paar Holzscheite nachgelegt. Auf dem Ofen stand die Teekanne mit dem Kräutertee, aus der sie sich immer wieder nachschenkten. Sie aßen die Filomena-Kekse dazu und unterhielten sich über dies und das. Lara hatte eine Afrika-Reise mit ihrer Schulklasse gemacht, auf der sie sich mit einem Lehrer ganz und gar nicht verstanden hatte; sie erzählte auch von ihren Berufsvorstellungen und auch davon, dass sie sich auf der Theaterbühne versucht habe, was ihr aber letztendlich auch nicht gefiel. Lieber fotografierte sie und schrieb Geschichten und Berichte. Sie erwog, Journalistin zu werden. Das konnte sie als Beruf für sich recht gut vorstellen.

View more