Es gibt ein Bild, ich glaube, es heißt "Der Schrei". Dieses Bild ist ein Albtraum und hing im Zimmer eines Tagungshauses, in dem ich schlief; Jemand meinte, mit diesem Bild an der Wand könne er im Zimmer nicht schlafen. Ich hörte nichts. SOKRATES Teil 176:

Uri Bülbül
Erschrocken richtete sich Basti im Bett auf, starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke, auf die Lampe, die sich immer heftiger bewegte, dann versuchte er Lara wachzumachen. Als er ihren Namen rufen wollte, bekam er keinen Ton aus seiner Kehle. Wie konnte es sein, dass er kein Wort mehr sagen konnte? Panisch holte er tief Luft; ja atmen ging noch. Wieder versuchte er Laras Namen zu rufen. Aber er bekam wieder keinen Ton heraus. Seltsame Schattenspiele entstanden an der Decke. Eine Frauengestalt oder ein Engel mit Flügeln oder doch eine Frau mit ausgebreiteten Armen? Sie sprang hin und her und drehte sich, sie war wie eine indische Tänzerin mit mehreren Armen, dann wieder wurde sie länger und länger wie eine Schlange. Der blaue Ballon tanzte wild im Kreis gleich einem Hammer, der losgelassen in die Weite fliegen würde. Und in der Tat löste sich die Verankerung an der Decke und der Ballon flog Richtung Bastis Kopf, den er nur ganz knapp und reflexartig einziehen konnte, bevor ihn der gläserne Lampenschirm traf. Er zerschellte an der Wand und jemand schrie aus vollem Hals als würde er aufgespießt. Lara stand senkrecht im Bett. Sofort schaltete sie das Licht ein. Sie sah, dass Basti sich tief unter seiner Decke vergraben hatte. «Basti? Was war das? Hast du das auch gehört?» fragte sie. Basti kam langsam unter der Decke hervor, sah sich orientierungslos um. An der Decke hing ruhig und unbewegt die Lampe mit dem blauen Ballon als Lampenschirm. «Habe ich geschrien?» fragte er, konnte es kaum glauben, weil er doch keinen Ton in seinem Traum aus dem Hals bekam. In diesem Moment wurde seine Frage wie von selbst beantwortet. Jetzt hörte er den Schrei, der aus dem Nebenhaus kam und eindeutig zu einer Frau gehörte. Ratlos starrten sie sich an. Immer und immer wieder kamen Schreie, als würde eine Frau im Nebenraum gefoltert. «Bellarosa!» rief Lara plötzlich aus, «Wir müssen ihr helfen!» «Wo ist nur Rudi? Rudi ist weg!» klagte Basti. «Die Tür ist zu. Er wird sich hier irgendwo versteckt haben! Wie schrecklich! Bellarosa braucht bestimmt unsere Hilfe!» Lara schlüpfte schnell in ihre Schuhe, da sie ihrer Gastgeberin zu Hilfe eilen wollte. «Nein, warte! Mach die Tür jetzt nicht auf! Erst müssen wir Rudi finden. Außerdem höre ich keine Schreie!» protestierte Basti. «Vielleicht hast du das alles ja nur geträumt!» «Aber du hast die Schreie doch auch gehört!» widersprach Lara. Basti hatte keine Lust auf eine Diskussion und gab ihr ein Zeichen, dass sie still sein sollte. Lara lauschte aufmerksam in die Nacht. Draußen war nun alles ruhig; aber unter ihrem Bett hörte sie ein Scharren und Schnaufen. Das konnte nur Rudi sein. «Ich glaube, ich weiß, wo Rudi ist», flüsterte sie und zeigte unter ihr Bett. Sofort krabbelte Basti auf allen Vieren in die gewiesene Richtung. Zärtlich und leise rief er den Spaltrüssler zu sich, der in der Tat nicht lange auf sich warten ließ. Wie schnell Basti dieses Tier gezähmt hatte, fand Lara bemerkenswert.

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