Was ist der "richtige Moment"? Woran erkennt man ihn? Und ist man nicht hinterher immer schlauer? SOKRATES geht in die nächste Runde. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich schreibe diesen Roman nicht in einer bestimmten Absicht, sondern um ihn zu schreiben! Teil 178...

Uri Bülbül
Dafür zeigten die Leute aufgeregt auf einen Balkon, was die beiden Polizisten nicht aus der Fassung brachte. Sie legten die Köpfe in den Nacken, sahen am Hochhaus entlang nach oben und sahen viele Balkone. «Woher wissen Sie so genau, dass es ausgerechnet der Balkon im zehnten Stock war?» fragte Robert Kruse. Da nahm ihn eine Frau am Arm, zog ihn ein paar Meter vom Haus weg, um dann von einem neuen Standpunkt aus nach oben zu weisen: «Ich stand genau hier, Herr Wachtmeister. Genau hier! Und was sehen Sie, wenn Sie nun nach oben sehen?» Kruse sah nach oben. «Ich weiß nicht, was Sie meinen», antwortete er. «Die Balkontür sieht man von hier, Herr Wachtmeister. Die Balkontür! Und diese eine Balkontür stand offen!» «Aber nun ist sie zu», konstatierte der Polizeibeamte. «Das zeigt nur, dass er nicht alleine in der Wohnung war, als er sich vom Balkon stürzte», betonte die Zeugin. «Aber wo ist die Person, die sich vom Balkon hinunter gestürzt haben soll?» fragte er. Sie sah ihn mit großen Augen an, als könne sie seine Gelassenheit in dieser Frage überhaupt nicht nachvollziehen. «Weg. Ich habe keine Ahnung. Einfach verschwunden, aber ich schwöre, dass sich von dort ein Mann hinunter gestürzt hat. Kopfüber!», rief sie. «Kopfüber», wiederholte der Polizist. Langsam wurde seine Geduld strapaziert. Sein Kollege nahm die Personalien der Zeugen auf; er beschloss, es ihm gleich zu tun und dabei ruhig zu bleiben! Für gewöhnlich mussten sie nicht die Personalien von Zeugen, die sich freiwillig meldeten, überprüfen. Dieses Mal aber beschlossen beide unabhängig voneinander, eine Ausnahme zu machen, und ließen sich die Ausweise zeigen und notierten die Adressen. Wurde ihnen kollektiv ein Streich gespielt? Robert drohte den Zeugen, erntete aber nur Empörung: «Hören Sie, Irreführung von Polizeibeamten und Vorspiegelung falscher Tatsachen, kann zur Anzeige gebracht werden, Bußgelder und Strafverfolgung nach sich ziehen!» «Was soll das heißen? Ich erfülle hier meine Pflicht als Bürger? Melde Ihnen einen Vorfall und Sie drohen mir mit Bußgeld und Anzeige?» «Ja, nun bleiben Sie mal ganz ruhig! Immerhin ist das nicht ganz glaubwürdig, was Sie da erzählen. Da soll jemand aus dem zehnten Stock gesprungen und dann einfach verschwunden sein! Wie ist das möglich? Sie sehen ihn vom Balkon stürzen, können mir den Balkon zeigen, Sie sehen aber nicht, wohin dieser Mensch schwer verletzt verschwunden sein soll?» «Ja, ich gebe zu, das klingt seltsam. Aber so ist es gewesen. Fragen Sie doch die anderen!» «Wir werden alles überprüfen», antwortete der Polizist, in dessen Ohren es wie ein schlechter Scherz klang: jemand sollte vom Balkon im 10. Stock gesprungen und dann spurlos verschwunden sein. Die Zentrale bekam vom Streifendienst Kruse/Winkelmann mehrere Personen allesamt zur Überprüfung, die jedoch nichts ergab, bis auf eine Ausnahme: «Ja, Niklas Hardenberg ist uns bekannt», lautete es über Funk. «Gut, dann befragen wir ihn jetzt», beschlossen die Streifenbeamten.

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