Jeder Routineeinsatz kann aus dem Ruder laufen, unerwartete Dinge können geschehen; doch mit ständiger Angst ist so ein Job nicht zu machen. Nur mit nötiger Umsicht und Fingerspitzengefühl. Die Wachtmeister statten Niklas einen Besuch ab. SOKRATES - Teil 179:

Uri Bülbül
Während sie in den 10. Stock fuhren, fragte Dietmar: «Was soll dieser Hardenberg gemacht haben? In seiner Wohnung wild um sich geschossen? Mit einer scharfen Waffe? Ist er womöglich auch jetzt bewaffnet?» «Angeblich nicht. Aber seien wir lieber vorsichtig. Die Waffe wurde ihm von den Kollegen Hoffmann und Oberländer konfisziert. Er hat aber einen Waffenschein dafür.» Die beiden luden ihre Dienstpistolen durch und steckten sie schussbereit ins offene Halfter. Eine einfache Personenkontrolle konnte zu einer Katastrophe, zu einem Desaster ausarten. Hoch angespannt kamen sie an Hardenbergs Tür an. Als sie an Hardenbergs Tür klingelten, wusste dieser, dass der Ärger, den Hermes heraufbeschworen und er befürchtet hatte, nun eintraf. Er musste sich ihm stellen und selbstverständlich würde er eine Deeskalationsstrategie wählen. Aber schon nach wenigen Sekunden nach dem Klingeln hämmerte jemand heftig gegen die Tür: «Niklas Hardenberg, öffnen Sie sofort die Tür. Hier spricht die Polizei! Öffnen Sie sofort die Tür!» Niklas hielt es für klug, etwas von sich hören zu lassen, bevor er an die Tür trat. Denn schreckhafte Polizisten konnten gemeingefährlich sein. Er erinnerte sich an den Fall eines Wanderers in Thüringen, der die Tür aus Angst wieder zuschlug, als er bewaffnete Männer in Zivil erblickte, die sich nicht als Polizisten zu erkennen gegeben hatten. Der Wanderer war in einem Gasthaus abgestiegen, um den Thüringer Wald zu durchwandern. Und der Gastwirt verwechselte ihn mit einem aus der forensischen Psychiatrie entflohenen Gewaltverbrecher und verständigte die Polizei. Die beiden Kriminalbeamten, die kamen, schossen dann durch die geschlossene Tür, als der Gast erschrocken die Tür zuschlug und töten den harmlosen Wanderer. Ein paar Tage später wurde der Gewaltverbrecher lebendig und widerstandslos gefasst. «Ich komme. Ich mache Ihnen die Tür auf.» rief Hardenberg. Die beiden Wachtmeister traten zwei Schritte zur Seite und warteten gespannt. Beide hatten die Hand am Griff ihrer Pistolen, als sie hörten, wie die Tür aufgeschlossen und dann geöffnet wurde. Als Niklas aber niemanden vor der Tür sehen konnte, trat er einen Schritt vor in den Türrahmen, damit er von den Polizisten gesehen werden konnte. Nun entspannte sich die Atmosphäre ein wenig zwischen ihm und den beiden Wachtmeistern, die sich ihm namentlich vorstellten und eintreten wollten. Er ließ sie gewähren. Der lange mit den grauen Haaren, ein fast Zweimetermann, eröffnete das Gespräch: «Herr Hardenberg, haben Sie Ärger mit ihren Nachbarn?» Diese Frage überraschte Niklas ein wenig, aber noch mehr freute er sich darüber, dass sich jemand Gedanken machte, bevor er einfach lospolterte: «Nein, ich habe keinen Ärger mit meinen Nachbarn. Ich wohne noch nicht lange hier.» «Sie können sich also nicht vorstellen, dass die Nachbarn Ihnen einen Streich spielen wollen?» «Nein, sind wir nicht alle aus dem Alter raus?»

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