Seltsame Dinge kann man schnell verdrängen. Der Alltag ist voll von Ungereimtheiten, aber sie beschäftigen einen nicht; man findet eine schnelle Erklärung, überbrückt den Wahn und findet zur Normalität zurück - aus der Albtraum. SOKRATES Teil 180:

Uri Bülbül
«Na ja, umso komischer ist dann die Geschichte, weswegen wir hier sind: Einige Passanten behaupten, jemand sei von Ihrem Balkon in die Tiefe gesprungen!» «Wie bitte? Ist derjenige tot?» «Nein verschwunden!» mischte sich der kleinere und etwas rundere Polizist in das Gespräch ein. Niklas sah die beiden verständnislos an: «Bei mir war niemand», log er dann. «Hatten Sie die Balkontür zwischenzeitlich mal offen heute Abend?» fragte der Wachtmeister, als suche er nach einer plausiblen Erklärung für etwas Unerklärbares. «Ja, ich glaube schon. Als ich nach Hause kam...» «Wann war das?» unterbrach ihn der Mann sofort. «Vor etwa einer halben Stunde. Ich war mit dem Oberstaatsanwalt Abendessen. Und als ich nach Hause kam, lüftete ich kurz die Wohnung. Das mache ich immer so», log Niklas weiter. Jetzt fühlte er sich sicher. Die Information, dass er mit Herrn Oberstaatsanwalt zu Abend aß, musste eine gewisse Wirkung auf die beiden niederen Beamten haben, spekulierte er. Robert Kruse aber war recht unbeeindruckt und sogar noch ziemlich angriffslustig: «Hat Sie der Herr Oberstaatsanwalt mit nach Hause begleitet?» Niklas lachte: «Oh ja, dann habe ich ihn vom Balkon geworfen! Aber dann ist er wieder nach Hause gegangen.» Robert wollte zu einem verbalen Gegenschlag ausholen. Aber sein Kollege intervenierte kurzerhand: «Ja gut. Das war's schon! Mehr wollten wir von Ihnen nicht wissen.» «Bin ich jetzt verhaftet?» übertrieb Niklas mit seiner Angeberei. «Wenn dem Herrn Oberstaatsanwalt wirklich etwas zugestoßen sein sollte, werden wir auf Sie zurückkommen», erwiderte Dietmar Winkelmann. Damit verabschiedeten sich die Polizisten von Niklas Hardenberg. «Bei meinem Glück ist er, nachdem wir uns getrennt haben, wahrscheinlich vom Bus überfahren worden», dachte Niklas. Apropos Glück. Was hatte Hermes zum Abschied noch gesagt? Und vor allem, was hatte er gemeint mit „kümmere dich um Kairos“? «Kairos – klingt wie ein Hundename», murmelte er, als er sich eine Zigarette anzündete, während er an seinen Computer ging. «Habe ich irgendetwas übersehen?» fragte er sich laut mit sich selbst redend. «Leute, die Selbstgespräche führen, sind Genies; zumindest haben sie eine überragende Intelligenz. Es gibt bestimmt eine Studie dazu, auch wenn ich diese Nachricht von facebook habe. Ich weiß gar nicht, ob es einen Link dazu gab. Ich habe den Gedanken nicht weiter verfolgt. Aber „Kairos“ habe ich bereits mehrmals gegooglet. „Kümmere dich um Kairos!“ Wird gemacht, Mister Psychopompos, abgekürzt: Mister Psycho! Wahrscheinlich verliere ich langsam aber sicher den Verstand. Wahrscheinlich langsam aber sicher! Erst wollte ich nur Schriftsteller werden, Bücher schreiben, die Manuskripte kopieren, in Briefumschläge stecken und an Verlage schicken. Ihre Antworten gespannt abwarten und die Zeit nicht untätig verstreichen lassen, sondern schon am nächsten Manuskript arbeiten. Aber man hat ja keine Ruhe im Leben.

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Firellenfolet@Pizzaboote