Wie fühlt man sich denn so, wenn man so gerne helfen will, aber niemand die Hilfe nötig zu haben scheint und man einfach links liegen gelassen wird? SOKRATES Teil 184:

Uri Bülbül
Er war als Mensch plötzlich marginalisiert, spielte keine Rolle mehr; alle gaben ihm das Gefühl, dass es nun ernst wurde und man keine Zeit und keine Aufmerksamkeit mehr für ihn als belanglose Person hatte. Auch wollte niemand seine Hilfe, die er zwar anbot, die er aber offensichtlich in Tat und Wahrheit gar nicht zu leisten vermochte. Dann war vor ihm die Erinnerung an die letzte Begegnung mit Johanna; er sah ihre Augen, ihr Lächeln, dieses sehr vertraute und ihn ergreifende Gesicht. Er musste unbedingt wissen, was mit ihr passiert war. Johanna war für ihn längst keine Fremde mehr und eigentlich auch nicht die Feindin, die ihm in den Bauch getreten hatte, als er mit blutender, gebrochener Nase auf dem Boden lag. Sie war die sympathisch schmunzelnde aus dem Badezimmer oder die zärtlich und warm lächelnde, die ihm beim Abschied länger als nötig gestattete ihre Hand in der seinen zu halten. Und nun diese unfassbar aufwühlende Nachricht, dass ihr etwas zugestoßen war. Damit ließen ihn aber alle allein. Nachtigalls Befindlichkeit interessierte im Moment niemanden; alle hatten etwas Wichtigeres zu tun. Sogar dieser widerliche Alte. Uri Nachtigall rannte auf sein Zimmer, begann wie wild nach seinem Autoschlüssel zu suchen: auf dem Schreibtisch, in den Schubladen, im Schrank, in seinen Taschen – sein Schlüsselbund war weg. Er sah sogar unter dem Bett nach, was vollkommen absurd war; aber er wollte nichts und keinen Platz ausgelassen haben, nicht den unwahrscheinlichsten. Der Schlüsselbund war weg: sein Wohnungsschlüssel, sein Autoschlüssel und seine Schlüssel für das Gartentor und sein Gartenhaus in einer Schrebergartenkolonie, die er liebevoll «mein Dorf» nannte. Er versuchte sich zu erinnern, wo sein Schlüsselbund abgeblieben sein konnte. Aber nach seiner Ankunft in der Villa hatte er keinen einzigen Gedanken mehr an seine Schlüssel verschwendet und nun plötzlich erfüllte es ihn schockartig mit einem abgrundtiefen Bedauern. Wen sollte er nach seinen Schlüsseln fragen? An wen konnte er sich in diesem Moment wenden? Alle waren mit etwas wesentlich Wichtigerem beschäftigt, niemand würde auch nur eine Sekunde an ihn und seine Schlüssel verschwenden wollen. Natürlich kam ihm auch etwas Verschwörungstheoretisches, etwas schier Paranoides in den Sinn: vielleicht hatte ihm jemand seinen Schlüsselbund abgenommen, als er in den tiefen Schlaf verfallen war. Wie ein Geistesblitz schlug es nun in seinem Kopf ein: dass er da nicht früher auf die Idee gekommen war! Schwester Lapidaria musste seine Schlüssel an sich genommen haben, denn schließlich hatte sie seine Bücher, Arbeitsutensilien und seinen Laptop aus seiner Wohnung ins Sanatorium bringen lassen, damit er seinen Aufenthalt angenehm und kreativ gestalten konnte. Das war der scheinbare und vorgeschobene Grund. Um was aber ging es ihr tatsächlich, wenn sie nicht selbst nur Werkzeug anderer Mächte im Hintergrund war? Und was konnten diese von ihm wollen?

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