Ich habe mit einem schrecklichen wie abschreckenden Vorwort zum 1. Band den Auftritt des SOKRATES-Romans als Buch gehörig versalzen :( Das war eine echte Nachtigall-Aktion! Iwie sind mein Avatar und ich verwandt, wenn auch nicht identisch. Teil 185:

Uri Bülbül
Es konnte also längst nicht damit abgetan sein, sich nach seinem Schlüsselbund zu erkundigen. Viel zu lange schon hatte er sich in diesem Irrenhaus gedanklich wie häuslich eingerichtet. Womöglich verlor er kostbare Zeit – und nicht nur das. Womöglich verlor er mit der Zeit alles, was ihm wichtig war. Er wollte handeln. Er musste etwas tun. Allerdings konnte er nicht sagen, was es sein sollte, wobei sein erster Impuls in diesem Moment Betti war. @liebeanalle erschien ihm als eine Person, der er vertrauen und von der er wirkliche Hilfe erwarten konnte. An seiner halb offenen Zimmertür war still und unbemerkt @Gedankenkammer erschienen. Der junge zögerliche Mann konnte ihn halb verdeckt am Schreibtisch stehend sinnieren sehen. Dann fasste sich Benjamin ein Herz – nicht zuletzt angetrieben davon, dass er die halboffene Tür unerträglich fand und klopfte an, so dass er beim Anklopfen die Tür auch weiter aufstoßen konnte. Aus den Gedanken gerissen und nicht wirklich geistesgegenwärtig sah ihn Uri Nachtigall nicht unfreundlich aber deutlich verwirrt an. «Ich habe hier ein Büchlein, worüber ich sehr gerne mit Ihnen reden würde», sagte Benjamin. «Ein Büchlein?» wiederholte Uri Nachtigall entgeistert. Der junge Mann hielt ein dünnes gelbes Reclam-Bändchen in der Hand, das er nun etwas hoch hielt, wobei er sich aber sogleich vorkam, wie ein Schiedsrichter, der einem Fußballer die gelbe Karte zeigt. Von seinen eigenen Gedankengängen verunsichert zog er die Hand mit dem Büchlein wieder zu seinem Körper. «Ich suche meine Autoschlüssel, meinen Schlüsselbund suche ich eigentlich. Ja, mit all meinen Schlüsseln!» stammelte der Theaterphilosoph. «Steht Ihr Auto noch an seinem Platz?» fragte Benjamin, womit er Uri Nachtigall in Erstaunen versetzte. Das war eine sehr pragmatische und zutreffende Frage, und er musste zugeben, dass er es nicht genau wusste. Er hatte sich seit seiner Ankunft in der Villa nicht ein einziges Mal um sein Auto gekümmert. «Kommen Sie, lassen Sie uns gemeinsam nachsehen. Dabei können Sie mir auch Ihr Anliegen erläutern», forderte er den jungen Mann auf. Vielleicht war er bei aller Schüchternheit ein sehr aufmerksamer und vertrauenswürdiger Begleiter. «Was ist das für ein Buch?» Es war das schmale Bändchen von Immanuel Kant «Träume eines Geistersehers». Sie traten vor die Villa. Uri Nachtigall schlug den Weg Richtung Straße und Gesindehaus ein. Sie konnten sehen, wie eine Limousine der S-Klasse mit drei Personen darin abfuhr. «Vielleicht werden Sie enttäuscht von diesem Buch sein. Kant macht sich am Ende seiner vorkritischen Phase eher lustig über die Geisterseherei. Seine Hinwendung vom Rationalismus zur sinnlichen Philosophie der Erkenntnis ist nicht romantisch. Kant beginnt lediglich neben der Vernunft auch die Anschauung als Erkenntnisquelle zu betrachten.» Mit offenem Mund blieb er stehen. «Mein Auto ist weg! Ich hatte es hier abgestellt.» Er wies mit der Hand auf den Straßenrand unweit vom Gesindehaus.

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