Welche Konsequenzen hat es, wenn man allzu vehement auf sein Recht besteht? Wer bin ich? Was kann ich tun? Was darf ich hoffen? SOKRATES, der kafkASKe Fortsetzungsroman. Teil 188:

Uri Bülbül
Aber sie hielt es für besser, ihn in dieser Stimmung nicht anzusprechen. Gerade als sie weitergehen wollte, kam auch die Ursache der Misere durch die Tür. «Kleines Vögelchen, Uri Nachtigall», begrüßte sie den aufgeregt wirkenden Theaterphilosophen, dessen Realitätsverlustigkeit sie gerne auf den psychiatrischen Prüfstand stellen wollte. Doktor Zodiac aber hatte wenig Interesse an diesem neuen „Gast“. Er hatte zwar die Einweisung unterzeichnet, ihm war es jedoch gleich, ob dieser Vogel hier seine Geschichten ausbreitete oder nicht. Aus einem mysteriösen Grund hatte Zodiac sein Interesse an Uri Nachtigall verloren. Er konnte der ganzen SOKRATES-Angelegenheit nichts abgewinnen und wollte sich darin auch nicht verortet sehen – vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass Uri Nachtigall nicht aufhören konnte, Zodiac immer und immer wieder mit einem berühmten Serienkiller in Verbindung zu bringen. Dabei war Zodiac etwas ganz anderes. Schwester Maja aber wollte auch dieses schräge Philosophenvögelchen unter ihren Fittichen sehen! «Schwester Maja, ich muss unbedingt sofort mit Doktor Zodiac sprechen», zwitscherte die Nachtigall drauflos. «Was ist geschehen?» fragte sie ungerührt. «Ich vermisse mein Auto und meinen Schlüsselbund, an dem auch mein Autoschlüssel ist. Ich möchte ins Krankenhaus fahren und die Kommissarin besuchen. Auch mich interessiert ihr Schicksal, ihr Befinden. Ich muss zu ihr!» Die psychiatrische Krankenschwester zog ihre rechte Augenbraue hoch und neigte ihren Kopf leicht zur Seite. «Sie überraschen mich, Uri Nachtigall. So viel Engagement und solch eine Entschlossenheit einfach aus dem Nichts! Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Was weckt Ihr drängendes Interesse? Was wollen Sie von der Kommissarin? Oder gilt dieses Interesse mehr der jungen Dame, mit der Sie das Vergnügen hatten, hier sich länger zu unterhalten?» «Ich glaube, ich habe ein Recht darauf, unverzüglich zu erfahren, wo mein Auto steht und wo mein Schlüsselbund ist, ohne irgendwelche Fragen von Ihnen beantworten zu müssen», konterte Uri Nachtigall. «Ja», erwiderte sie eiskalt, «Ja, und manchmal ahnt man gar nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn man allzu vehement auf sein Recht besteht!» Uri Nachtigall schauderte es. War er zu weit gegangen? Welche Konsequenzen konnte es haben, in diesem Fall auf sein Recht zu bestehen? Er durfte nicht gegen seinen Willen in dieser Villa festgehalten werden. Daran gab es doch nichts zu deuteln! Ohne ein weiteres Wort drehte sich die Schwester um. Er folgte ihr zu den Treppen zwei Schritte hinter ihr und mit großer Lust, sie von hinten zu berühren, was er tunlichst unterließ. Sie spürte seine Nähe hinter sich, scherte sich nicht weiter darum und schritt einfach konsequent voran zu den Treppen. Wortlos folgte er ihr. Sie schlug den Weg in ihr Büro ein und vor der Tür angekommen drehte sie sich plötzlich zu ihm um.

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