Mitten in der Nacht muss ich noch etwas loswerden - wie ein dunkles Geheimnis im Beichtstuhl muss ich erzählen; ganz ohne Absolution und Sündenvergebung. SOKRATES - Teil 190:

Uri Bülbül
Er nahm aus dem Schrank seine Jacke, steckte den Haustürschlüssel ein, den er von Schwester Maja erhalten hatte, und gerade, als er zur Tür wollte, glaubte er ein Geräusch und Stimmen vor seiner Zimmertür zu hören. Sofort hielt er reglos den Atem an. In der Tat flüsterten zwei vor seiner Tür, die weibliche Stimme schien etwas zu befehlen und hatte durchaus etwas Bedrohliches, während die männliche Stimme eher erklärend klang. Die Inhalte des Gesagten konnte er nicht verstehen nur Bruchstücke kamen bei ihm an. Sie: «...habe ich gesagt... kümmere dich... nichts verloren... » Er: «Aber... ich wollte doch nur... nichts Schlimmes... kann es mir nicht erklären... warum...» Er erkannte die Stimmen nicht. Sicher war nur, dass die weibliche Stimme einen faszinierenden Klang hatte, nichts Schrilles, Kreischendes – eine Stimme, die ihm nie auf die Nerven gehen würde. Wem mochte sie gehören? Schwester Lapidaria, auf die er zunächst getippt hatte, war das nicht. Und der Mann? Konnte das Dr. Zodiac sein? Er hielt es nicht mehr aus und riss die Tür auf. Dabei stieß er beinahe mit einer jungen dunkelhaarigen Frau mit großen braunen Augen zusammen, die ganz in Schwarz gekleidet war und schwarze Stiefelletten trug. «Kohlewittchen», schoss es ihm durch den Kopf. Das war also die Frau, von der Benjamin gesprochen hatte. Als die Tür aufgerissen wurde, riss damit das Gespräch plötzlich ab. Unsicher wackelte @Gedankenkammer hin und her, schwankte, wusste nicht, was er nun tun sollte. Die Schwarzhaarige konnte ihm auf die Sprünge helfen: «Geh auf dein Zimmer. Lass Uri Nachtigall in Ruhe!» Der junge Mann gehorchte schier willenlos. «Sie kennen mich?» fragte der Theaterphilosoph. «Was heißt schon kennen?» erwiderte die junge Frau. «Ich heiße Nadia», fügte sie dann etwas versöhnlicher hinzu. «Angenehm», er streckte ihr seine Hand entgegen. Aber sie drehte sich um und ging. Er blieb unbeholfen stehen und konnte @Gedankenkammer sehr gut verstehen, dass auch er nicht genau wusste, wie er auf diese Frau reagieren sollte. Er schloss seine Zimmertür ab und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. Ihm war, als würde der junge Mann ihn aus der Ferne fragen: «Werden Sie wiederkommen, Uri Nachtigall? Es tut mir Leid, falls ich Sie beleidigt haben sollte.» Nadia war vorsichtshalber zu @Gedankenkammer geeilt. Und tatsächlich traf sie ihn auf dem Flur, er war nicht in seinem Zimmer, wie sie es ihm befohlen hatte. «Mach dir keine Sorgen», sagte sie. «Du hast ihn schon nicht beleidigt. So schnell ist er nicht beleidigt. Aber er muss jetzt ins Krankenhaus fahren, und du solltest ihn nicht davon abhalten wollen!» «Meinst du, er kommt wieder?» fragte @Gedankenkammer. Nadia lächelte beruhigend. «Ja, er kommt wieder!» Der junge Mann senkte seinen Blick zu Boden. «Tschuldigung», murmelte er. «Nichts passiert. Schon gut.» antwortete Nadia. Auf dem Parkplatz stieg Uri Nachtigall in seinen Mercedes und startete nachdenklich mit hunderten Fragezeichen im Kopf den Motor.

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