Damit die 191. SOKRATES-Folge nicht für einen Aprilscherz gehalten wird, kommt sie heute schon. Erst findet der Philosoph seine Autoschlüssel und sein Auto nicht, dann kümmert er sich um induzierte Halluzinationen nicht und fährt einfach schon mal los^^

Uri Bülbül
Die Unfallstelle war selbst in der Dunkelheit nicht zu übersehen. Die umgeknickten Sträucher, der verletzte Baum; obwohl jemand sich die Arbeit gemacht hatte, die Glassplitter der zerborstenen Windschutzscheibe und die frei herum liegenden Metallteile zusammen zu kehren und wegzuschaffen, lagen verstreut noch einige Dinge herum. Uri Nachtigall hielt an, stieg aus, nachdem er den Ganghebel auf „Parken“ umgestellt und auf die Feststellbremse getreten war. Den Motor ließ er laufen. Das tiefe Rumoren seines Sechszylinders beruhigte ihn. Auch eine Menge Blutspuren waren noch zu sehen. Ameisen und andere Insekten machten sich über das Blut her. «Wie konnte das bloß passieren?» fragte er sich. «Das wollte ich nicht», er stieß vor Schreck einen Schrei aus. Er hatte sich auf den Boden gebückt und betrachtete vertieft die Ameisen auf dem Weg. Ein paar Schritte hinter ihm am Wagen stand Nadia. «Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte auch Johanna nicht erschrecken. Ich war hier auf dem Weg, sie fuhr zu schnell, sie raste mit Blaulicht durch den Wald, sah mich, bremste, kam von der Straße ab und knallte gegen den Baum. Es ging alles so schnell und doch irgendwie so langsam wie in Zeitlupe. Ich weiß auch nicht.» «Wie? Wie kommst du so schnell hierher?» stotterte Uri, der sich von seinem Schreck nur bedingt erholt hatte. Die Frau im schwarzen Kleid stand ruhig an seinem Auto, sah ihn freundlich an und schüttete ihm ihr Herz aus. Aber es war unmöglich in der kurzen Zeit ohne ein Fahrzeug die Strecke von der Villa bis hier her zurückzulegen. «Wer oder was bist du?» «Ich heiße Nadia», antwortete sie. Er mochte ihre angenehme Stimme. «Wie...» «Ich bin einfach hier. Genügt das nicht?», unterbrach sie ihn. «Du bist nicht real, stimmt's?» fragte er. Sie trat auf ihn zu, der Boden unter ihren Stiefelletten knirschte. Er stand starr vor ihr, während sie näher kam, auch den Abstand von wenig miteinander vertrauten Menschen überwand und direkt vor ihm stand, so dass ihre Körper sich fast schon berührten. «Ich bin nicht das, was du denkst und wovor du dich fürchtest», sagte sie, streckte ihre Hand vertraulich aus und streichelte zärtlich, warm und liebevoll seine Wange. «Komm, fahr jetzt ins Krankenhaus.» «Sehen wir uns wieder? Können wir uns auch etwas länger unterhalten?» Er hatte etwas von der Unbeholfenheit eines Kindes, was sie lächeln ließ. Zugleich aber fragte sie sich, ob das echt war oder nur gespielt. Sie mochte sich nicht festlegen, war sich, was diesen Theaterphilosophen betraf unsicher. In vielem war er diffus und manchmal sogar so in sich widersprüchlich, dass sie ihn als unglaubwürdig empfand. Sie trat wieder einen Meter zurück: «Ich weiß noch nicht. Mal sehen.» Ihre Stimme klang sehr kühl. Er stieg ins Auto. Eine neue Sachlichkeit musste nun schnell gefunden werden oder er musste einfach losfahren. Aber er ließ sein Seitenfenster ab: «Nadia, weißt du, wo der Unfallwagen hingekommen ist?»

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