Wir dringen langsam aber sicher zum Kern des Wahnsinns vor. Eine Freundin schreibt mir gestern im Chat, ich sei mit meiner politischen Haltung penetrant, mein Teamchef im Theater sagt, der Roman SOKRATES sei mein Privatvergnügen - meine Unverdrossenheit bleibt! Teil 192:

Uri Bülbül
Sie wusste es: «Ja, zu deinen Freunden. Gute Frage, übrigens. Ich würde mich an deiner Stelle auch bald um das Auto kümmern.» Wenn er nicht so weinerlich ist, ist er sehr süß, ging es ihr durch den Kopf. Aber das sollte nun wirklich keine Rolle spielen. Er bedankte sich und winkte noch einmal beim Vorbeifahren. Als er in den Rückspiegel sah, konnte er sie nicht mehr sehen. Als er wieder nach vorne sah, erschrak er zutiefst und brachte das Auto mit einer Vollbremsung zum stehen. Er war keine 500m weiter gefahren und stand nun fassungslos: «Betti!» Laras Mutter humpelte zerzaust und verstört aus dem Wald auf den Waldweg. Er stellte den Motor ab und sprang schnell aus dem Auto. «Betti!» Wirr starrte sie ihn an. Sie hatte offensichtlich große Schmerzen und konnte nicht richtig auftreten. «Betti, was ist passiert?» Ihr wirrer Blick bekam etwas Ängstliches, was hart an der Grenze zur Panik stand. Wortlos hob sie ihren Arm, um auf etwas zu zeigen, was hinter Uri Nachtigall zu sein schien. Der Theaterphilosoph schrie: «Verdammt!» und machte einen Satz zur Seite. Er hatte vergessen, den Ganghebel seines Mercedes auf Parken zu stellen. So rollte der Wagen auf der leicht abschüssigen Strecke durch den Wald seinem Fahrer hinterher. Er riss die Tür auf, um dem ein Ende zu setzen. Stolpernd sprang er in den Wagen, der ihn von hinten überrollt hätte und konnte die Feststellbremse mit der linken Hand niederdrücken, die man eigentlich mit dem Fuß bediente. Als der Wagen stand, sicherte er ihn, um sich wieder an Betti zu wenden. «Betti, warte! Wohin gehst du?» Sie hatte ihn nicht mehr weiter beachtet. Sie humpelte über den Weg von links nach rechts und ging wieder in den Wald. Er rannte ihr nach. «Betti, warte doch!» Sie machte keinerlei Anstalten, auf ihn zu warten. Aber im Gegensatz zu ihm konnte sie mit ihrem verstauchten Fußknöchel nicht rennen. Er holte sie ein. «Betti, komm mit mir. Ich fahre dich ins Krankenhaus. Du kannst dir in der Ambulanz deinen Fuß behandeln lassen, und ich gehe in die Intensivstation. Vielleicht kannst du dich dort auch erkundigen, ob irgendein Unfall mit Lara gemeldet wurde.» Betti wollte sich nicht aufhalten lassen. Er hielt sie am Arm fest, aber sie riss sich energisch los! «Lara ist nicht im Krankenhaus! Ich muss sie hier im Wald suchen!» «Das bringt doch nichts! Nicht in dieser finsteren Nacht. Morgen früh helfe ich dir bei der Suche.» «Fahr jetzt! Und lass mich in Ruhe! Wenn ich Lara bis morgen nicht gefunden haben sollte, kannst du mir immer noch bei der Suche helfen.» So schnell wollte Uri Nachtigall nicht aufgeben: «Die sind zu zweit! Wenn etwas passiert wäre, hätte der andere doch Hilfe holen können – zumal Basti doch irgendwie über irgendwelche übersinnlichen Kräfte oder Fähigkeiten verfügt!» Betti winkte verächtlich ab. Jedem anderen hätte sie dieses Argument mehr abgenommen, als diesem bornierten Theaterfreak! «Wenn du mich weiter aufzuhalten versuchst, werde ich unangenehm», drohte sie. «Betti!» Sie hörte nicht auf ihn.

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