Setzen wir die Fahrt durch den dunklen Wald mit dem alten Babybenz fort; der verzweifelten Mutter, die ihre Tochter sucht, kann im Moment nicht geholfen werden, aber vielleicht entwickelt sich der Theaterphilosoph zum Blitzmerker. SOKRATES - Teil 193:

Uri Bülbül
Ohne sich umzusehen und weiter um den lästigen besorgten vermeintlichen Freund zu kümmern, setzte sie ihren Weg humpelnd und torkelnd fort. Uri Nachtigall gab es auf, sie zurückhalten zu wollen. Er suchte noch nach einem Argument, das Betti hätte akzeptieren können. Ihm fiel nichts ein; sie war verrückt vor Sorge um ihre Tochter. Es schoss ihm kurz durch den Kopf, Lara und Basti eine Liebesgeschichte anzudichten. Verliebt wie sie waren, hatten sie einfach die Zeit vergessen und fanden den Wald einfach nur romantisch schön. Nein, dieser Quatsch hätte wirklich niemanden überzeugt – erst recht nicht Betti. Oder Basti war wieder in einen narkoleptischen Schlaf gefallen, und Lara wachte über ihn und wartete, bis er wieder zu sich kam. Diese Idee gefiel ihm immerhin so gut, dass er einen letzten Versuch startete: «Betti, warte! Ich muss dir etwas sagen! Vielleicht ist Basti...» Sie hörte nicht auf ihn und setzte ihren Weg stur fort. Er kehrte zurück zu seinem Auto. «Dann muss sie eben das tun, was sie tun zu müssen glaubt!» Er startete seinen Wagen. War da neben dem tiefen Rumoren des Sechszylinders noch ein Nebengeräusch zu hören? Kurz schien es ihm so; aber als er den Ganghebel umlegte und Gas gab, schien seine Welt wieder in Ordnung. Mit einem Kavalierstart seiner über 150 Pferdekavallerie ließ er den finsteren Ort und Betti hinter sich. Er raste durch den Wald auf die kleine Landstraße zu, die ihn wieder zurück in die Stadt führen würde. Plötzlich aber spürte er eine Bewegung auf dem Rücksitz und stieß einen Schreckensschrei aus. «Fahr nicht so schnell durch den Wald, sonst passiert dir noch dasselbe wie der Kommissarin!» Auf dem Rücksitz saß Nadia. Er drosselte unwillkürlich. «Nadia! Du hast mich erschreckt!» «Ja, dafür scheine ich irgendwie Talent zu haben.» Der Adrenalinstoß durch den Schreck, den sie ihm eingejagt hatte, beflügelte ihn zu blitzartigen Schlussfolgerungen: «Hast du etwas mit dem Unfall zu tun? Hast du Johanna so erschreckt, dass sie vor einen Baum fuhr?» Nadia zögerte kurz. «Es war nicht meine Absicht. Das wollte ich nicht.» «Wer oder was bist du? Was machst du hier und was willst du von mir?» Er fuhr in seiner Aufregung wieder schneller und unachtsamer. «Beruhige dich! Ich will auf jeden Fall niemandem schaden», antwortete die mysteriöse junge Frau. «Ich hätte einen Herzinfarkt bekommen können. So sehr hast du mich erschreckt.» «Tut mir Leid.» «Wohnst du auch in der Villa? Oder bist du eine Fee?» «Ich bin jedenfalls nicht ask.fm! Ich kann nicht so viele Fragen auf einmal beantworten! Es tut auch nichts zur Sache, ob ich eine Fee bin oder in der Villa wohne!» Sie musste darüber, für eine Fee gehalten zu werden, ein wenig lachen. «Weißt du womöglich auch, wo Lara und Basti stecken? Ist ihnen etwas passiert?» Er warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Nadia sah blass aus, um nicht zu sagen totenbleich.

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