Todmüde muss Uri Bülbül gleich ins Bett, während Uri Nachtigall mit Nadia durch den Wald fahren kann und Kurs auf das Krankenhaus in der Stadt genommen hat. SOKRATES Teil 194:

Uri Bülbül
Der schwarze Lippenstift passte zu ihrem Teint und verlieh ihr sowohl eine unheimliche als auch eine unwiderstehliche Ausstrahlung. Er fand sie wunderschön. Aber wie schnell hatte sie sich umgeschminkt? «Lara und Basti geht es gut. Sie werden schon wieder auftauchen. Betti muss nun durch den Wald irren. Da kann ich ihr auch nicht helfen. Ich hätte sie ebenso wenig beruhigen können wie du. Aber du solltest nun wirklich etwas langsamer fahren, bevor noch etwas passiert!» Uri Nachtigall drosselte nun deutlich die Geschwindigkeit. Nadias Stimme löste in ihm ein wohliges Gefühl der Entspannung aus; sie klang gänzlich angstfrei und pragmatisch, so als sei es ihr völlig egal, ob der Wagen von der Straße abkam und verunglückte oder nicht. Sie hatte die Ruhe einer Unbeteiligten. «Was bist du?» wiederholte Uri Nachtigall seine Frage. Aber kaum hatte er sie ausgesprochen, wurde ihm auch schon bewusst, dass er keine Antwort darauf bekommen würde. «Schau nach vorne», sagte sie zärtlich. Er konnte seinen faszinierten Blick kaum vom Rückspiegel lösen. Das Ende des Waldweges war so gut wie erreicht. «Um welche Sache geht es denn, wenn du mir schon sagst, es tue nichts zur Sache, ob du eine Fee seist oder nicht? Dann entscheide ich für mich einfach, dass du eine Fee bist.» «Spinner!» Er hielt kurz an der Kreuzung an, bog dann nach links auf die Landstraße ohne zu blinken ein. «Hast du eine eingebaute Vorfahrt?» fragte sie. «Du bist vielleicht doch keine Fee, sondern eine ganz normale Frau», schmollte er. Aber er war auch ein ganz normaler Mann und wollte die Kritik an seiner Fahrweise nicht auf sich sitzen lassen: «Ich habe doch angehalten! Nur weil ich nicht geblinkt habe, habe ich doch keine eingebaute Vorfahrt!» Nadia schwieg. Sie war etwas enttäuscht von ihm. Er offenbarte eine Kleingeistigkeit, die sie von ihm nicht erwartet hätte. «Soll ich dich irgendwo absetzen?» fragte er nach einigen Augenblicken des Schweigens. «Nicht nötig. Ich komme mit dir bis zum Krankenhaus. Von dort aus kann ich zu Fuß nach Hause gehen.» «Ich kann dich auch nach Hause fahren», beharrte er, bekam aber keine Antwort. Sie erreichten die geschlossene Ortschaft. Nadia betrachtete aus dem Seitenfenster die vorbeiziehenden Fachwerkhäuser. Vergeblich suchte er ihren Blick im Rückspiegel. Schließlich hielt er das Schweigen nicht mehr aus: «Nadia?» Er wartete ab, ihre Reaktion jedoch war spärlich: «Ja?» Wie sollte er sie wieder erweichen und für sich gewinnen? Die kurz entstandene zärtliche Nähe zwischen ihnen schien zerstört. Sie saß zwar physisch noch im Auto, zwischen ihnen war aber eine Trennwand aus Eis. Er war ihr gleichgültig geworden, und die plötzliche Kälte ließ ihn frieren. «Nadia, du wolltest mir vorhin etwas mitteilen, nicht wahr?» «Ich wollte nur, dass du vorsichtig fährst.» Sie standen an einer Ampelkreuzung keine drei Minuten mehr vom Krankenhaus entfernt. Er ging ihr mit seinem ständigen Versuch, Blickkontakt über den Rückspiegel herzustellen gehörig auf die Nerven.

View more