Natürlich bewegt mich die Frage, wieviel ich in 5 Folgen bis zur Folge 200 erzählen kann, von dem, was mir so vorschwebt. Aber es gibt ja auch die Folgen bis 300 von SOKRATES, dem kafkASKen Fortsetzungsroman. Hier Teil 195:

Uri Bülbül
Die Ampel war umgesprungen. Uri Nachtigall hatte die Rot-Gelb-Phase nicht einmal bemerkt. Nun durfte er zwar fahren, glotzte aber immer noch in den Rückspiegel. Sie sah aus dem Seitenfenster und versetzte ihm unbewegt und kühl den Stich, den er offenbar brauchte, um sich zu bewegen, ungeduldig und streng: «Grün!» Hektisch sah er auf die Ampel und gab fast gleichzeitig Gas. Der Motor aber veränderte komplett seinen Klang; metallisch hämmerte etwas mehrmals kurz hintereinander unter der Haube. Dann ging der Wagen aus. Hilflos und hektisch wollte Uri Nachtigall den Motor neu starten. Der Anlasser versuchte noch ein letztes Mal die festgefressenen Kolben zu drehen. Aber nichts ging mehr. Nun hupte es ungeduldig hinter ihm. Uri Nachtigall blieb erstaunlich ruhig. «Tja, das war's wohl», murmelte er, während er den Warnblinker einschaltete. «Hilfst du mir den Wagen zur Seite schieben?» Sie stiegen aus; er hatte den Ganghebel auf „Neutral“ bewegt und doch ließ sich der Wagen nur unter äußerstem Kraftaufwand schieben. Plötzlich fiel es massiv ins Gewicht, dass die Straße nicht ganz eben war, sondern eine minimale Steigung aufwies. Sie war auch nicht mit aller Leidenschaft dabei, den Wagen zu schieben; ihre Gedanken kreisten um eine andere Angelegenheit: Wer mochte hinter diesem Ausfall des Motors stecken? War das eine gewöhnliche Panne? Zwei, drei Männer sprangen von der Seite herbei und schoben mit vereinten Kräften in wenigen Sekunden den schweren Benz zur Seite. Uri Nachtigall bedankte sich winkend bei ihnen, während sie schon wieder weiter gingen. Ratlos stand er da. «Ich gehe mal zu Fuß nach Hause. Ich habe es nicht mehr weit», sagte Nadia, womit sie ihn aus seiner Lethargie riss: «Warte! Kannst du mir nicht noch helfen?» «Ich wüsste nicht, wie!» Sie wollte sich schon umdrehen und gehen. «Ich habe kein Handy bei mir. Ich weiß nicht, wo ich es gelassen habe. Die Psycho-Villa bringt mich ganz schön durcheinander. Darf ich kurz dein Handy benutzen, um in einer befreundeten Werkstatt anzurufen?» Nadia war nicht so abweisend, wie es ihm erschien. «Klar.» Sie konnte nur nicht mit Hilflosigkeit gut umgehen; wenn sie wusste, was er von ihr wollte, konnte sie annehmen oder ablehnen. Und gegen einen Anruf von ihrem Handy aus war nichts einzuwenden. Um diese Uhrzeit war natürlich die Werkstatt längst geschlossen, aber wie er seinen Freund kannte, war er noch immer da – nicht etwa um Überstunden zu machen, was man naiver Weise annehmen konnte, sondern den Feierabend zu genießen. «Warum heißt der Feierabend „Feierabend“, du kleiner Zwitschervogel, wenn es nichts zu feiern gibt, hmmm?» pflegte er zu sagen. «Du Ahnungsloser! Du steckst deine Nase nur in deine Bücher und deine Geschichten! Die wahren Geschichten aber schreibt das Leben, und du bekommst es leider nicht mit. Was hast du noch mal studiert?» Ali kannte die Antwort. Der kleine Zwitschervogel brauchte nicht zu antworten. Er selbst übernahm den Part: «Philosophie! Und?»

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