«Zu viele Personen, zu viele Handlungsstränge», sagt ein Freund immer mal wieder und liest dann doch ziemlich genau mit, was mich manchmal überrascht. Er wird im Roman verschwinden und wieder auftauchen. Jetzt aber Folge 197 des SOKRATES:

Uri Bülbül
Seine Brüder unterstützten ihn dabei; sie hatten schon immer an Autos geschraubt, sie repariert, frisiert, getuned und über den TÜV gebracht. Ali war ein Naturtalent, ein lebendes Nachschlagewerk, was Autos anbelangt, ein Wunderheiler, nichts entging seinen feinen Mechanikerohren, Mechanikeraugen und es gab keinen Schaden, keinen Defekt, den er nicht beheben konnte. Und tatsächlich war Ali auch an diesem Feierabend in Feierlaune; Marokkanische, tunesische, polnische, russische, deutsche und türkische Autohändler hatten sich eingefunden, hatten fast alle ein Fläschchen Schnaps mitgebracht und saßen um den Grill auf dem Parkplatz herum. Hier hatte sich Ali seine kleine Oase geschaffen; auf kaum 10 m² hatte er einen Grillplatz mit einem wild rankenden Weinstock eingerichtet. Koteletts, Sucuks, Lammkäulen brutzelten vor sich hin und wurden unter den Freunden auf ein Stück Brot verteilt. Sie unterhielten sich über die neuesten Gerüchte, über Autos und über den Opa, der gestern mit seinem Wohnmobil aus dem Balkan angereist gekommen war und auf dem Parkplatz campierte. Er gehörte zum Freundeskreis und hatte laut Legende über vierzig Kinder über das Land verteilt. Allein in Albanien hatte er drei Frauen mit Kindern, die er regelmäßig besuchen und für deren Unterhalt er sorgen musste. Sie tranken gerade auf sein Liebesleben, als das Telefon klingelte. Ali warf einen Blick auf das Display seines Apparates und nahm dann freudig ab: «Hallo Nadia!» Er traute aber seinen Ohren nicht und war völlig enttäuscht, als er die Stimme vernahm: «Du blöde Ente! Was willst du denn? Ist es denn wahr? Du verdirbst einem noch die Feierabendlaune!» Uri Nachtigall war nicht minder überrascht: «Woher kennst du Nadia?» «Rufst du an, um mich das zu fragen? Die Antwort ist kurz: ich kenne sie halt! Und Tschüss!» «Nein, warte, leg nicht auf! Ich habe eine Autopanne!» «Na und? Dann ruf morgen wieder an!» «Ich stehe auf der Kreuzung, Mann!» «Wenn sich der Opa deiner annimmt, hast du Glück! Sonst empfehle ich dir einen gelben Engel! Und nicht einmal der kann dir helfen, wenn du Nadia unglücklich machst!» «Ist der Opa denn im Land?» «Ja, du hast Glück. Er kommt mit dem Abschleppwagen. Aber nur um zu wissen, ob es Nadia gut geht! Außerdem ist er der einzige von uns, der jetzt noch fahren kann!» Uri Nachtigall gab noch einmal seinen Standort durch, um sich dann erstaunt und fragend an Nadia zu wenden: «Du kennst Ali?» Sie nahm ihm ihr Handy aus der Hand. «Mach's gut. Ich bin dann mal weg.»
Im Arztzimmer klingelte ein Handy, worüber sich Doktor Wagner, die Nachtdienst hatte, erschrak. Sie war aus ihren Gedanken gerissen. Auf dem Monitor beobachtete sie gerade die Werte der neuen Patientin, der sie heute das Leben gerettet hatte. Am Tag Notärztin, in der Nacht Dienst auf der Intensivstation. Sie wusste auch nicht, wie lange sie das durchhalten würde. Es war ein fremdes Klingeln und nicht das ihres eigenen Handys. Irritiert suchte sie nach dem Gerät, das im Körbchen der Kommissarin lag.

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