Alfred Ross wütet wieder; er kann es nicht lassen. Die Abreibung, die er von Niklas Hardenberg bekommen hat, scheint vergessen. SOKRATES Teil 198:

Uri Bülbül
«Hallo?» «Frau Kommissarin, hier ist Christoph.» «Wer?» «Christoph, Luisas Schulfreund. Wir haben uns doch heute gesprochen, als sie auf der Suche nach Luisa waren. Bitte Frau Kommissarin, ich erreiche Luisa nicht und ich hätte gerne meinen Motorroller und mein Handy wieder zurück von ihr. Können Sie es ihr bitte ausrichten?» Doktor Wagner wollte nicht länger die Kommissarin spielen, aber sie durfte laut Vorschriften auch nicht mit dem Handy in das Stationszimmer, in dem Johanna Metzger lag. Andererseits war sie auch sehr neugierig und wollte ein paar Informationen sammeln: «Die Kommissarin kann jetzt nicht mit dir sprechen.» Sie schwieg. Der junge Mann am anderen Ende der Leitung war irritiert: «Oh, ja, dann... würden Sie ihr bitte ausrichten, dass ich angerufen habe?» «Ja, du hast Luisa dein Handy und deinen Motorroller ausgeliehen?» «Ja, genau. Und ich bräuchte morgen bitte beides wieder zurück. Eigentlich wollte Luisa es mir schon längst wieder gebracht haben. Aber dann ist sie einfach nicht gekommen. Ich habe mich schon gefragt, ob sie einen Unfall hatte.» «Nein, hatte sie nicht!» Wieder Schweigen. Christoph fand die Frau am Telefon unheimlich. Es ging etwas Seltsames vor, aber er konnte sich nicht erklären, was es sein konnte. Er wollte nur noch schnell das Gespräch beenden und bereute schon, überhaupt angerufen zu haben. «Ja, dann... entschuldigen Sie bitte die Störung.» Er legte schnell auf. Die Ärztin legte das Smartphone wieder in die Schachtel zurück, wo auch Johannas Portemonnaie und Dienstwaffe lagen. Irgendetwas reizte sie, die Waffe in die Hand zu nehmen. Aber sie gab dem Drang nicht nach. Sie war auch gleich sehr froh darüber, denn plötzlich stand ein mürrischer Mann mit kurzen Haaren und einem stattlichen Bierbauch im Arztzimmer, dessen Gesicht so aussah, als habe er eine Schlägerei hinter sich. «Ich habe Sie nicht anklopfen hören!» entfuhr es ihr. «Kein Wunder. Ich habe auch nicht angeklopft. Ich werde die Dienstwaffe und den Dienstausweis meiner Kollegin mitnehmen. Das kann ich kaum im Schwesternzimmer liegen lassen!» knurrte der Mann. Sie stellte sich schützend vor den Tisch. «Wer sind Sie überhaupt?» Der Mann zückte seinen Ausweis: «Alfred Ross, Hauptkommissar. Und nun händigen Sie mir die Sachen aus, Schwester!» Ohne eine Reaktion abzuwarten, schob er sie grob und kräftig zur Seite. Sie verlor dabei sogar ein wenig ihr Gleichgewicht, strauchelte, fing sich wieder. Da hatte er das Gewünschte schon an sich genommen. «Doktor Wagner heiße ich!» «Schön für Sie!» wieder schubste er sie beiseite, weil sie ihm im Weg stand. «Und Finger weg vom Handy meiner Kollegin, klar?» Wer diesen Kerl auch so zugerichtet haben mochte, er hatte Recht daran getan und verdiente Doktor Wagners Respekt. Und eines war klar: Doktor Theresa Wagner war niemand, die morgens in den Spiegel schauen konnte, ohne sich vor sich selbst zu schämen oder gar zu ekeln, wenn sie so ein rüpelhaftes Verhalten unwidersprochen und ohne Gegenwehr hinnahm. «Hey!»

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