Aua, aua, die Nase des Theaterphilosophen wird wieder in Mitleidenschaft gezogen. Wehrt er sich auch mal? SOKRATES Teil 199:

Uri Bülbül
Alfred Ross blieb stehen. Theresa Wagner war auf den Flur getreten: «Wer auch immer das mit deinem Gesicht gemacht hat, hat es gut gemacht. Du hast nichts anderes verdient. Alles klar?» Kurz schien der Kommissar ratlos. Dann hob er den Arm, um eine abwehrende und verächtliche Geste zu machen. Er setzte seinen Weg ohne eine weitere Erwiderung fort. Im tiefsten Innern war ihm nach heulen zumute. Er ging an den Aufzügen vorbei zum Treppenhaus. Dort konnte er sich vielleicht unbemerkt auf die Stufen setzen und seinem Drang nachgeben. Noch bevor er das Treppenhaus erreichte, hielt der Aufzug auf der Etage an. Ihm entstieg Uri Nachtigall. Als er Alfred Ross etwa drei Schritte weiter halb von hinten sah, zuckte er kurz zusammen, beschloss dann aber sogleich, ihn nicht zu beachten. Auch Ross hatte seinen Delinquenten bemerkt. Aber in ihm war eine gähnende Leere und Gleichgültigkeit. Doch nach zwei, drei weiteren Schritten schlug der Blitz der Eifersucht in ihn ein wie in einen einsamen Baum auf weitem Feld. Was hatte dieser Affe von Theaterschwätzer hier zu suchen? Ross drehte auf dem Absatz um, blieb jedoch erstarrt stehen. Ein alter Mann kam Uri Nachtigall und ihm entgegen. Nachtigall und er schienen sich zu kennen. Sie nickten einander ernst zu. Von dem alten Mann ging etwas aus, was Ross einschüchterte, und es war nicht seine physische Erscheinung. Jetzt Uri Nachtigall zur Rede zu stellen, konnte für den Kommissar gefährlich werden. Das sagte ihm sein Instinkt. Seine geliebte Johanna alias Nilam lag im künstlichen Koma. Was sollte der Theaterschwätzer mit ihr in dieser Situation anfangen können? Aber Ross war beunruhigt. Nein, so konnte er nicht einfach die Station verlassen. Er musste ein Auge auf die Situation und auf seine Kollegin haben. Der alte Mann ging zu den Aufzügen und wartete. Immer wieder warf er auch einen Blick in Richtung des Kommissars, der wie bestellt und nicht abgeholt im Flur stand. Adonis beschloss einen kleinen Smalltalk mit ihm zu führen, da er bemerkt hatte, wie der Kommissar seinem Blick auswich. Alfred Ross aber hatte etwas ganz anderes im Sinn; er steuerte direkt auf seinen Delinquenten zu: «Uri Nachtigall! Was haben Sie hier zu suchen?» Unter Zeugen fühlte sich der Theaterphilosoph etwas sicherer, was ihn übermütig und unvorsichtig werden ließ. Obwohl sie Auge in Auge gegenüberstanden, antwortete er Ross trotzig: «Das geht Sie einen feuchten Kehricht an, Herr Kommissar!» «Keine große Fresse, Sokrates!» erwiderte der brutale Beamte und quetschte Uri Nachtigalls Nase zwischen dem gekrümmten Zeige- und Mittelfinger seiner rechten halb geöffneten Faust, die er um 90° drehte, bis es in Uris Nase, Stirn, ja im ganzen Kopf krachte! Ein langer Schmerzenssschrei hallte durch die Intensivstation, was Doktor Wagner durch Mark und Bein ging. «Immer eine große Fresse, immer anderen auf die Nerven gehen, bis man ihm den Giftbecher reicht», knirschte der Kommissar.

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