Es kommt, wie es kommen muss: SOKRATES Folge 201... ABER... seit Jo und ich vor acht Tagen einen Geschäftsbrief zusammen geschrieben haben, ist eines klar: die Realität bricht in den Roman mit aller Vehemenz ein... demnächst. Aber erst einmal Teil 201...

Uri Bülbül
Nein, nie wäre sie zurück ins Elternhaus gezogen. Allein schon um die Dämlichkeit ihrer Mutter nicht ertragen zu müssen, ihre Trunksucht, ihre glasigen Augen, ihre Stimme, die sich zu vorgerückter Stunde veränderte, ihre geheuchelte Anteilnahme an ihren Belangen, die Fragen, als sie nur gute Nacht sagen wollte, ob sie auch alle ihre Hausaufgaben gemacht habe, wann die nächsten Klassenarbeiten anstünden und ob sie auch mit dem einen oder anderen Lehrer zurechtkomme. Ja, Luisa kam mit allem zurecht nur nicht mit diesen hohlen Fragen! Selbst die gierigen Blicke ihres Vaters konnten an ihr abprallen. Doch das Unbehagen an ihrem Zuhause wuchs stetig. Mit sicherem Instinkt wich sie ihrem Vater aus, schlief sogar bei Freundinnen, wenn sie wusste, dass er zu Hause war. Unauffällig für ihre Freundinnen verabredete sie sich zu Tanz-, Koch- oder Filmabenden, was deshalb ganz gut möglich war, da Franz-Joseph Metzger häufig und für längere Zeit sich unterwegs auf Montage befand. Etwas unangenehm wurde es, wenn er unerwartet nach Hause kam, unangemeldet plötzlich im Hausflur zu hören war oder auch ohne anzuklopfen plötzlich in ihrem Zimmer stehen konnte. Sie begann wieder zu schluchzen, konnte unmöglich ihre Tränen zurückhalten. Es kam ihr alles wie ein böser Traum vor. Noch heute Mittag hatte sie sich über Stoffel geärgert und seinen schweren Motorroller durch den Wald geschoben. Und nun steckte sie in einem grünen sterilen Kittel, saß neben ihrer reglosen Schwester und versuchte zu begreifen, was passiert war. «Luisa, ich muss dir noch etwas sagen...» Sie hatte die Stimme des Arbeitskollegen ihrer Schwester im Ohr. Und verrückter Weise musste sie an die gelben Legosteine denken, an den sprechenden Delphin, daran, wie sie sich am Morgen von ihrem wahren und wahrhaftigen Zuhause bei ihrer Schwester davon gestohlen hatte, weil sie keine Lust hatte, eine Antwort auf ein unfassbares Phänomen zu suchen. Die Träume der beiden Schwestern ähnelten sich, ergänzten sich, verobjektivierten sich, als hätten beide denselben schlechten Horrorfilm angeschaut. Wieder musste sie an die gelben Legosteine denken. Wo waren sie jetzt in dem Augenblick, in dem sie auf der Intensivstation weinte. Sie würde ihrem Vater nie wieder begegnen. Und vielleicht würde Johanna nie wieder gesund werden, wenn sie tatsächlich überleben sollte, was keineswegs sicher schien. Die freundliche Ärztin hatte sie zu beruhigen versucht. Aber Luisa hörte alle Zweifel und Unsicherheiten in der Stimme überdeutlich heraus. Was sollte aus ihr werden, wenn ihre Schwester starb oder als schwer Behinderte vor sich hin vegetieren musste? Das Allerschrecklichste, was sie sich nur vorstellen konnte, war, zurück ins Elternhaus zu ihrer versoffenen Mutter ziehen zu müssen. Da würde sie doch lieber in diesem Irrenhaus wohnen, wo sie den Theaterphilosophen besucht hatte. Er wohnte ja schließlich auch dort und die anderen ja auch! Warum also sollte sie nicht dort wohnen können?

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