@Gedankenkammer will wissen, welche Bücher mir persönlich am stärksten im Gedächtnis geblieben sind. Schon recht spät, als ich schon auf die 30 zuging, beeindruckte mich Umberto Eco mit "Der Name der Rose". Jetzt aber geht es erst einmal um SOKRATES Teil 202:

Uri Bülbül
Sie konnte sogar einen gewissen Irrsinn, was gelbe Legosteinkäufe aufgrund von Wünschen von sprechenden Delphinen in ihren Träumen anging, vorweisen. «Warum hast du Papa nur umgebracht?» murmelte sie. Johanna blieb reglos und stumm, während Luisa wieder heftig schluchzte. Draußen auf dem Flur war es wieder still geworden. Doktor Theresa Wagner hatte den Theaterphilosophen auf einen Stuhl im Behandlungszimmer gesetzt, drehte das OP-Licht an und ihm direkt ins Gesicht, dass er geblendet zurück wich. Konzentriert mit ernstem Gesichtsausdruck betrachtete sie die Nase: «Das ist nicht ihr erster Unfall, stimmt's? Viel müssen wir aber nicht machen. Tampons in die Nase und fertig!» Uri Nachtigall stöhnte ein wenig: «Ganz schön wehleidig, was? Kennen Sie den: Wacht ein Mann eines Morgens in einer ihm völlig fremden Umgebung auf; er kann sich überhaupt nicht daran erinnern, wie er dahin gekommen ist: fremdes Zimmer, fremdes Bett, er nackt und keinerlei Erinnerung an das Geschehene. Und aus seinem Mundwinkel hängt ein dünner langer Faden. Was denkt er?» Während sie sprach tamponierte sie die blutende Nase. Er konnte nicht einmal den Kopf schütteln. Sie wartete aber auch keine Antwort ab: «Er denkt: hoffentlich ist es ein Teebeutel!» Die Ärztin grinste breit. «Fertig! Sie können nun nach Hause und passen Sie schön auf das Näschen auf, Sie hässlicher Zeisig!» «Wieso nennen Sie mich „Zeisig“?» fragte er. «Nun ja, der Bulle nannte Sie „Uri Nachtigall“, dazu passt aber „hässlich“ nicht so gut wie zu Zeisig!» Er bedankte sich bei ihr. «Sie haben Humor, Frau Doktor, Sie haben wirklich Humor», sagte er zum Abschied. Sie musste über diesen Vogel lachen.
«Kommen Sie, Ross! Gegenüber dem Krankenhaus ist ein Café/Restaurant oder so was. Ich lade Sie ein. Lassen Sie uns ein paar Worte wechseln», sagte der alte Mann, so, dass Ross überhaupt nicht zu widersprechen wagte. Außerdem hatte der Alte seine Neugier geweckt, also willigte er ein, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, wer dieser seltsame alte Mann mit den Funken sprühenden Energie geladenen Augen war. Vom Café aus konnten die beiden Männer sehen, wie Uri Nachtigall das Krankenhaus verließ und auf den Taxistand zuging. Er stieg in den vordersten Wagen in der Schlange. Statt aber wie erwartet mit dem Taxi abzufahren, schien es einen Streit im Auto zu geben. Uri Nachtigall stieg empört wieder aus und nahm den dahinter stehenden Wagen, der mit ihm auch tatsächlich losfuhr. Die Taxifahrerin, eine pummelige Frau mit tiefblauen Augen und blondem schulterlangem Haar, das an vielen Stellen schon ergraute, war etwa Mitte Vierzig. «Vor zehn Jahren bestimmt eine unwiderstehliche Schönheit», ging es Uri Nachtigall durch den Kopf, bis ganz plötzlich seine Nase heftig schmerzte. Noch immer hatte sie etwas äußerst Anziehendes und Sympathisches, vor allem aber Resolutes. Sie hörte sich die Adresse in aller Seelenruhe an und startete dann ohne weitere Fragen den Motor. Erst unterwegs hatte sie eine Frage an ihn.

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