Während Uri Bülbül den zweiten Band des SOKRATES-Romans für den Druck vorbereitet, hat sich Uri Nachtigall schon ins Land der Träume begeben, hoffen wir, dass es kein böses Erwachen gibt. Teil 203:

Uri Bülbül
Schweben in türkisener Schwerelosigkeit, hier und da grünes Schimmern in Blau, angenehm die Umgebungstemperatur und kein Gefühl von Hunger oder Durst. Ein unbeschwertes Sein rundum. «Das kann ich nur träumen», denkt er. «Ich bin im Meer und muss mich nicht mal über Wasser halten.» Und dann hört er eine andere Stimme: «Jetzt kannst du mal ganz neu über das Sein nachdenken und über das „Sein des Seienden“ über die „Seinsweisen“ usw. Wie wäre es mal mit einer Existenzialontologie ganz aus der Schwerelosigkeit heraus? So ganz ohne ein Dasein zum Tode-Quatsch» «Ophelia, bist du es?» fragt er, er kann unter Wasser sprechen. Er hat auch genug Luft in den Lungen und keinerlei Not und Drang, aufsteigen zu wollen. Er schwimmt und spricht. Er fragt nach Ophelia. Warum eigentlich? Ist er wieder in diesem Delphintraum, in dem er beinahe ertrunken wäre? «Oh Mann, kannst du nicht mal eine weibliche und eine männliche Stimme voneinander unterscheiden?» fragt die Stimme. Jetzt erst erkennt er sie: es ist Bastis Stimme. «Basti?» «Ja, wer sonst? Weißt du, wo Luisa meine gelben Legosteine hingelegt hat?» Die Legosteine? Sie waren ihm immer noch wichtig. Nun war er in seinem Traum, um ihn danach zu fragen. «Sie hat die Steine bei Schwester Maja hinterlegt. Warum gehst du nicht in ihren Traum?» Diese provokante Frage löste ein wildes Kichern bei Basti aus. Wo war er überhaupt? Warum konnte Uri Nachtigall ihn nicht sehen? Plötzlich fragt er sich, ob nicht auch Haie auftauchen können. Wo Basti ist, können doch Haie nicht weit entfernt sein, geht es ihm durch den Kopf. «Weißt du, was ich will?» fragt Basti. Er kann ihn immer noch nicht sehen. «Nein, ich kann keine Gedanken lesen!» «Ach ja, stimmt! Ich will Geschwister!» Geschwister? Denkt er. Was hat er mit den Geschwistern eines sprechenden frechen Delphinjungen zu tun. «Ich bin nicht frech! Und Haie sind auch nicht in der Nähe!» Ob er jeden Gedanken lesen kann? fragt er sich. Aber er ist sich sicher, dass er nicht laut vor sich hin gemurmelt hat. «Ich kann überhaupt keine Gedanken lesen! Was für ein Blödsinn! Du trällerst alles laut vor dich hin! Da muss man schon taub sein, um das nicht zu hören, was dir durch den Kopf geht!» Er beschließt zu schweigen, ein völliges totales Schweigen, absolute Stille im Kopf sehr angemessen für diese Situation der warmen, behaglichen Schwerelosigkeit. Jetzt wird kein Ton mehr gedacht! «Mach's halb lang!» stöhnt Basti und äußert einen seltsamen Wunsch: «Kann Ophelia in der Geschichte einen blauen Delfin kennen lernen und damit Zwillinge machen und das eine Kind ist dann vorne rosa und hinten blau und das andere Kind hinten rosa und vorne blau?» «Was?!» schreit die Nachtigall schier verzweifelt. «Woher soll ich denn wissen, ob Ophelia einen blauen Delphin kennen lernen kann? Und in welcher Geschichte überhaupt? Außerdem hast du deine gelben Legosteine! Reichen sie dir denn nicht? Spiel mit ihnen!» «Du bist nicht mein Papa. Du hast das nicht zu bestimmen.»

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