Nadia Shirayuki begegnet Alfred Ross. Der Brutalokommissar scheint immer öfter mit den eigenen Waffen geschlagen zu werden. Wird er noch zum Tölpel des Romans? SOKRATES Teil 210:

Uri Bülbül
Es war nicht zu übersehen, dass Ross einen irritierten und suchenden Eindruck machte. Aber unter Alkoholeinfluss schien er nicht zu stehen. «Wir werden den Vorfall in unserem Wachtbericht erwähnen müssen, Ali!» schloss sich der andere seinem Kollegen an. Beide grinsten Ross frech und überheblich an. «Wie ist das passiert?» fragte der andere im ernsten Tonfall. «Bist du ausgerutscht? Oder gestolpert?» «Ja, ja», antwortete der Kommissar, «erst gestolpert und dann auch noch ausgerutscht!» Über die Person, die ihm im Treppenhaus begegnet war, wollte Ross lieber nicht sprechen. Scheinbar hatten die beiden nichts von ihr mitbekommen und würden ihn für verrückt halten, wenn er ihr Aussehen beschreiben musste. Es erschien Alfred Ross klüger, nichts zu sagen. «Vielleicht ist er doch besoffen», sagte der eine zum andern. Sie ließen ihn Hauchen, um dann gemeinschaftlich festzustellen, dass er nicht nach Alkohol roch, «dafür aber nach Knoblauch!» feixten sie und lachten laut. So manch ein unschönes Wort zur Betitelung seiner uniformierten Kollegen ging Ross durch den Kopf, als er sein Auto bestieg, fest entschlossen, so schnell wie möglich zur Psycho-Villa zu fahren. Gerade als er den Wagen gestartet hatte, klingelte sein Handy; es war die Einsatzzentrale: «Hauptkommissar Ross, ich glaube, ich habe da etwas, das Sie interessieren könnte!» «Ich höre!» «Ein Taxi mit einer Fahrerin wurde soeben als vermisst gemeldet. Die letzte Fahrt führte durch den Hattinger Wald zum psychiatrischen Sanatorium des DoctorParranoia.» Mit einem Schlag hatte Ross alle seine Sinne und Kräfte wieder beisammen. «Schon unterwegs. Ich fahre ins Sanatorium und sehe mich um. Ich glaube, ich kenne den Fahrgast: es war Uri Nachtigall!» Damit raste der Hauptkommissar los. Er wollte keine Sekunde mehr verlieren. Er befestigte das magnetische Blaulicht auf dem Dach seines Porsches und gab ganz in Vergessenheit der Warnungen, die er von der jungen Frau im Treppenhaus erhalten hatte, Gas.
Niklas Hardenbergs Geschichte ist so lang wie seltsam und muss bei Gelegenheit auf jeden Fall erzählt werden, damit die tragische Tragweite seines Handelns deutlich wird. Diese Gelegenheit kommt bestimmt. Im Moment aber ist ausschlaggebend, dass er eine ebenso schlaflose Nacht hatte wie Alfred Ross, der mit 120 km/h durch die Straßen der Stadt in Richtung Venusberg raste. Hätte Ross sich am Kopf gekratzt, wie Hardenberg es vor seinem Computer in derselben schlaflosen Nacht tat, durch die der Hauptkommissar mit Blaulicht und in gefühlter Lichtgeschwindigkeit raste, hätte er die Schmerzen am Kopf wieder gespürt und sich womöglich an Nadias Worte erinnert: «Sie sind verzweifelt und ein wenig in Panik, machen sich große Sorgen um Luisa. Sie sollten aber wissen, dass dies nicht der richtige Weg ist. Bleiben Sie ruhig und gelassen.» Als er sich an eine große Kreuzung näherte, schaltete er die Sirene ein und raste ungebremst weiter. Das war alles andere als ruhig und gelassen.

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