Betti irrt durch den Wald, Alfred Ross wird zum rasenden Kommissar und brettert vom Präsidium zur Psycho-Villa und muss dabei auch durch den Wald. Nadias Warnungen hat er in den Wind geschlagen. Keine gute Idee. SOKRATES Teil 212:

Uri Bülbül
Bettis Fußgelenk schmerzte, aber sie hatte sich an den Schmerz gewöhnt und ignorierte ihn, während sie so gut auftrat, wie eben konnte. Wenige Meter vor ihr erkannte sie einen Weg, der quer durch den Wald zu führen schien. Also schritt sie auf ihn zu; ihre Knie und Hände waren aufgeschürft, ihre Haare völlig zerzaust. Darin hatten sich Laub und kleine Äste verfangen. Sie verliehen ihr etwas Hexenhaftes. «In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn Sie jetzt durch den Wald rasen, um zur Villa zu gelangen, kann etwas sehr Unangenehmes passieren.» Nadias Warnung war durch den Fahrtwind des Porsche fortgeblasen. Bis knapp 180 km/h beschleunigte Ross den Wagen auf der Landstraße durch den Wald und bremste ihn kurz vor den Kurven wieder ab, um ihn wieder mit Vollgas aus der Kurve zu ziehen. Und beinahe hätte er in seiner Raserei die Einbiegung von der Landstraße auf den Waldweg zur Villa verpasst. Der Wagen schlitterte und schleuderte auf den Kieselweg, die Reifen drehten durch, Kieselsteine und Schotter schleuderten am Heck durch die Luft und manche schlugen heftig in den Radkasten. Nichts davon irritierte den Kommissar. Wieder kletterte die Tachonadel über 100 km/h. Ross war ganz in seinem Element und weit ab von Dalai Lamas Lebensweisheit: «In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz». Böse Zungen hätten über Ross sagen können, dass er nicht viel zu verlieren hatte. Betti sah die Scheinwerfer und das Blaulicht, gerade als sie zwei Schritte auf den Weg gemacht hatte. Aber es war zu spät. Ross bremste mit voller Kraft, aber sein Antiblockiersystem ließ den Wagen weiter rollen, so dass die Kollision unvermeidlich war. So unvermeidlich die Kollision, so unnachgiebig und kämpferisch war Betti und wollte sich nicht von der aus dem Nichts aufgetauchten Gefahr schlagen lassen. Mit allerletzter Kraft -woher nahm sie diese nur?- und in der allerletzten Sekunde sprang sie auf die Fronthaube des Sportwagens, zerschlug dabei mit ihrem Ellenbogen die Windschutzscheibe, schlug mit dem Kopf irgendwo auf, was sich nach Blech anhörte und fiel halb rollend halb geschleudert an der Seite vom Auto auf den Schotter des Waldweges. Ross hatte nicht begriffen, was passiert war, als er aus dem Auto stieg. Nun sah er am rechten Vorderrad teilweise im Lichtkegel des Scheinwerfers eine Frau liegen. Äußerlich war keine schwere blutende Verwundung festzustellen. Sofort fühlte er ihren Puls am Hals, da schlug ihm Betti auch schon die Hand von ihrem Hals weg. «Fass mich nicht an!» Ross war erschüttert und schockiert, aber zugleich auch erleichtert. «Schon gut, schon gut», beschwichtigte er, um sogleich die Schuld am Geschehen von sich abzuwälzen: «Sie sind in einen Polizeiwagen im Einsatz hinein gelaufen! Sie behindern den Einsatz! Schauen Sie sich meinen Wagen an! Beule auf der Haube, am Kotflügel, die Windschutzscheibe ein Scherbenhaufen. Und mir läuft die Zeit weg.» Betti richtete sich langsam auf. Viele Stellen an ihrem Körper schmerzten, aber das war nicht wichtig.

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