Bekommt jeder, was er verdient? Bekommt Alfred Ross, was er verdient? Was aber, wenn der Anschein trügt? Und die Bösen nur scheinbar die Bösen sind? SOKRATES Teil 214:

Uri Bülbül
«Lassen Sie sofort meinen Patienten los! Sie werden ihn nicht mehr anrühren! Sonst lasse ich Sie in der Hölle der Dienstaufsichtsbeschwerden schmoren, Sie werden sich nach Ihrer Pension sehnen, der von Schmerzensgeldansprüchen aufgezehrt werden wird.» Uri Nachtigall war vollkommen überrascht von diesem massiven Einsatz der Schwester zu seinen Gunsten. Der Griff an seinem Hals aber lockerte sich nicht. «Es liegt ein Haftbefehl gegen diesen Kerl vor und den werde ich jetzt vollstrecken. Dieser Kerl hat eine Taxifahrerin auf dem Gewissen. Und wenn er jetzt nicht bald die Klappe aufmacht und aufhört sich schlaftrunken zu geben, werde jeden Zahn einzeln aus seinem Schandmaul schlagen, bis er sein Geständnis lispelt!» Uri Nachtigall musste die Situation unbedingt ausnutzen: «Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich habe geschlafen. Ich habe nichts gemacht!» Ein Fausthieb unterbrach ihn. «Mir reicht's!» schrie Maja. Sie drückte die Kurzwahltaste des Telefons in ihrer Hand: «Hier ist DoctorParranoias Sanatorium und forensische Klinik, Schwester Maja am Apparat. Bitte, kommen Sie schnell. Hier ist ein Notfall.» Der Mann in der Notrufzentrale blieb ruhig und gefasst. «Schwester Maja, bitte beruhigen Sie sich! Sagen Sie mir bitte, was genau passiert ist.» «Hilfe, Hilfe!», schrie die Schwester in gespielter Panik. «Ein Patient läuft Amok! Kommen Sie schnell! Beeilen Sie sich, bevor noch mehr passiert!» Dann drückte sie schnell den Auflegeknopf. Uri Nachtigall war äußerst überrascht über die Äußerung der Schwester. In seinem angeschlagenen Kopf drehte sich alles und die Realität fuhr Karussell. Dieser brutale Mensch war also gar kein Kommissar, sondern ein Psychopath und Patient der Psychiatrie! «Nicht schlecht, Schwester! Wirklich nicht schlecht! Mein Respekt! Sie legen sich für Ihre Verrückten ganz schön ins Zeug! Aber das wird ihm gar nichts nützen, denn ich nehme ihn jetzt mit», sagte Ross, während er dem Theaterphilosophen Handschellen anlegte. Ungerührt und mit eiskalter Verachtung schaute Maja seinem Treiben zu, wie er Uri Nachtigall auf die Beine zerrte, dieser sich schwer machte und erneut gezerrt wurde, dann hilflos sich auf den Boden fallen ließ wie ein Sack Mehl, in Panik, von einem Irren entführt zu werden. Da bekam er einen heftigen Tritt in die Rippen, was seinen letzten Widerstand brach und ihm jegliche Luft raubte. «Schluss jetzt, Bürschchen! Widerstand ist zwecklos!» rief der Hauptkommissar, während Uri Nachtigalls letzten verzweifelten Versuche, sich zu wehren, in sich zusammenbrachen. Einen entscheidenden Augenblick lang aber hatte Alfred Ross die Schwester unbeachtet gelassen und war ganz hingebungsvoll mit seinem Delinquenten beschäftigt gewesen. Noch ging ihm der Spruch durch den Kopf, den er der Schwester reinwürgen wollte, dass nämlich sie allein für die Kosten des Noteinsatzes aufkommen müsse, den sie ausgelöst hatte, da durchzuckte seinen Körper ein fürchterlicher Schmerz, der alles auslöschte und ihm das Bewusstsein raubte.

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