Niklas könnte Hilfe brauchen - vielleicht von Kairos, dem Gott des rechten Augenblicks. Aber wenn er ein Hamlet-Syndrom hat, kann ihm auch kein Kairos helfen. SOKRATES Teil 215:

Uri Bülbül
Für manche mochte das ein Glücksfall sein, plötzlich so wahnsinnig viel Geld auf dem Konto zu haben. Aber genau das bereitete Hardenberg die allergrößten Sorgen: es war kein zweistelliger Millionengewinn in einer Lotterie! Es war tausendmal mehr. Und dabei konnte es unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Der schleimige Bankdirektor, der Hardenberg jedweden Überziehungskredit seines Girokontos beharrlich verweigert hatte, lud ihn schon mehrmals zum Kaffeetrinken in sein Büro ein und versuchte ihn einerseits auszuhorchen und andererseits ihm das Geld auf dem Konto für irgendwelche Investitionsgeschäfte abspenstig zu machen. Hardenberg war mißtrauisch und überhaupt nicht bereit zu irgendwelchen Zugeständnissen. Selbst bei einer jährlichen Verzinsung von 1,6% wuchs sein Vermögen in schwindelerregender Geschwindigkeit. Und dabei blieb Hardenberg immer diese eine so entscheidende Frage: SEIN Vermögen?
Uri Nachtigall saß im Behandlungszimmer, wohin Schwester Maja ihn fürsorglich gebracht hatte, nachdem sie Ross eine Beruhigungsspritze verabreichte. «Das lähmt Ross und Reiter», kommentierte sie die Spritze süffisant lächelnd. «Einen Moment, ich bin gleich wieder da», sagte sie und ging kurz raus. Draußen fingen die Vögel an laut zu zwitschern. Es wurde hell. Alles in diesem Zimmer und draußen in der Welt bei Morgengrauen machte einen friedlichen Eindruck. Der Theaterphilosoph konnte gar nicht recht die Ereignisse sortieren. Was wollte dieser rasende, brutale Kommissar? War er überhaupt ein Kommissar? Oder doch ein Psychopath? Woran sollte er schuld sein? Eine Weile nachdem sie losgefahren waren, fragte die Taxifahrerin, ob es denn nicht schon etwas zu spät für einen Besuch in der Villa sei. Und er antwortete: «Ich übernachte dort». Dabei bemerkte er, dass er sie damit etwas nervös gemacht hatte. Also schob er eine etwas zurecht gebogene Erklärung hinter her: «Ich bin Autor, schreibe ein Buch über das Sanatorium; da hat man mir freundlicher Weise ein Zimmer dort angeboten.» Das schien das Interesse der Taxifahrerin zu wecken und so spann er seine Geschichte weiter: Er sei kein Psychiater, sondern arbeite in einem freien Theater und suche Stoff für Geschichten, die man auf die Bühne bringen könne. Das lockerte die Atmosphäre zwischen ihnen. Und die Taxifahrerin erzählte von ihrem letzten Besuch in einem Theater, von den Romanen, die sie gerne las und so kamen sie entspannt und gut gelaunt bei der Villa an, ohne dass er erfahren konnte, warum ihr Kollege, der Fahrer des ersten Taxis, in das Nachtigall eingestiegen war, so ängstlich und aggressiv reagiert hatte. Er gab ihr reichlich Trinkgeld und wünschte ihr zum Abschied eine gute Heimfahrt. Er sah dem Taxi noch nach, wie es wendete und zurück fuhr. Dann ging er auf sein Zimmer, nachdem er erleichtert feststellte, dass der Schlüssel, den ihm Schwester Lapidaria gegeben hatte, problemlos das Schloss öffnete.

View more