Wir dürfen Lara und Basti nicht bei Bellarosa im Turm vergessen. Betti irrt verzweifelt auf der Suche nach ihrer Tochter die ganze Nacht durch den Wald. Ein neuer Tag beginnt: SOKRATES. Des kafkASKen Fortsetzungsromans 217. Teil:

Uri Bülbül
«Guten Morgen!» trällerte es fröhlich den Turm empor. Lara und Basti mussten eingeschlafen sein. Die Nacht war sehr kummervoll gewesen; sie hatten Angst und wussten nicht, was sie tun sollten. Die fürchterlichen Schreie hatten in beiden neben Angst aber auch viel Mitleid für diejenige erweckt, die all diese Schreie in wahrscheinlich hoch qualvollen Momenten ausstieß. Nun aber schien die Sonne durch das Fenster, sie hörten Vogelgezwitscher und Bellarosas fröhliche Stimme, die nach ihnen rief. Lara beruhigte diese sonnige und fröhliche Atmosphäre. Sie war in Aufbruchstimmung, und den Turm erfüllte ein warmer, sehr angenehmer Duft eines leckeren Frühstücks. Basti hatte schon seine Schuhe angezogen und war damit beschäftigt, Rudi zu streicheln, der ebenfalls seine rüsselige Nase schnuppernd in die Höhe streckte. «Gibt es wieder Filomena-Kekse» fragte er, als sie die Küche betraten. Bellarosa lächelte sie an: «Kannst du gerne haben, wenn du magst.» «Sehr gerne!» Basti mochte die Filomena-Kekse. «Kann ich denn auch welche mit auf den Heimweg nehmen?» fragte er, als sie am Frühstückstisch saßen. Lara genoss ihren Kakao, ließ ihren Blick durch die Küche schweifen und beobachtete unauffällig ihren Gefährten und Bellarosa, die auf sie den Eindruck machte, als sei ihre Fröhlichkeit eine Maskerade, hinter der sich ein großer Schmerz verbarg. Aber sie wäre gewiss nicht auf die Idee gekommen, Bellarosa direkt danach zu fragen. Es musste ja auch einen Grund dafür geben, dass sie den Schmerz zu überspielen suchte. Hatte sie womöglich in der Nacht so fürchterlich geschrien? Und gerade mit dieser Frage platzte Basti schmatzend heraus. Lara wäre beinahe die Tasse aus der Hand gefallen. Ihr tat Bellarosa sehr Leid, sie wirkte plötzlich so bleich und zerbrechlich. Sie setzte sich wie in Trance an den Frühstückstisch und stierte wortlos und versonnen vor sich hin. Um irgendetwas zu tun und nicht in der nun eingetretenen bedrückenden Stille zu verharren, nahm sich Lara eine Scheibe Brot aus dem Brotkorb. Es war ofenfrisch und angenehm warm. «Basti, kannst du mir bitte die Butter geben?» durchbrach sie die Stille. Eigentlich wollte sie seine Aufmerksamkeit auf sich lenken, um ihm mit den Augen ein Zeichen zu geben, Bellarosa in Ruhe zu lassen. Basti aber reichte Lara die Butter, ohne seinen Blick von Bellarosa abzuwenden. «Du hast schlimme Träume in der Nacht, nicht wahr?» fragte er die Gastgeberin. Diese aber saß reglos und geistesabwesend auf ihrem Stuhl. In diesem Moment regte sich etwas draußen vor der Tür. Rudi, der Spaltrüssler wurde nervös und unruhig und ehe Lara begreifen konnte, was geschah, stand Basti auf: «Wir müssen jetzt gehen!» sagte er in einem sehr ernsten und schier befehlshaften Ton. Lara begriff immer noch nicht so recht, warum die schöne Frühstücksstimmung plötzlich so umschlug. Da öffnete sich die Tür. Und Nadia kam herein. «Es ist besser, wenn ihr jetzt geht. Ich kümmere mich um Bellarosa.»

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