Nun habe ich wirklich lange um die Frage herumphilosophiert, ob ich ein Romantiker sei und wenn ja, welcher Art. Höchste Zeit von der Romantik zum Roman zurückzukehren - SOKRATES Folge 221: Die schöne Richterin.

Uri Bülbül
«Verstehe einer die Frauen!» ging es Niklas durch den Kopf, aber ungewollt kam es ihm auch über die Lippen. «Wie bitte?» Scharf wie eine Rasierklinge huschte diese Frage der Richterin über Niklas' Gesicht. Während sein Freund Kolbig taten- und verständnislos für die menschlichen Zwischentöne neben ihm saß, reagierte der fettleibige Kommissar recht schnell: «Herr Hardenberg ist ein privat ermittelnder Kollege und im Kommissariat bei uns bekannt wie wohl gelitten!» Hoffmann konnte also bei der Richterin Eisberge zum Schmelzen bringen; der eisige Wind von ihr zu Niklas flaute augenblicklich ab. Aber nur, weil Hoffmann sich rhetorisch geschickt dazwischen geworfen hatte, wofür Niklas ihm einen dankbaren Blick zuwarf. Nun befand er sich wieder auf der Lee-Seite des Lebens. Der Oberstaatsanwalt blieb ebenso reglos wie sein Gegenüber Kolbig. Sie würden nicht lange um das unangenehme Thema herum kommen. Und die Richterin ging in medias res: «Wo ist der Beschuldigte?» Nun hatte sie Kolbig im Blick. Und Niklas neigte selbst in dieser äußerst seltsamen wie unangenehmen Situation dazu, so etwas wie eine leise Eifersucht zu empfinden. Er hätte jede furchtbare Frage der Richterin auf sich genommen, selbst wenn ihre Blicke ihn getötet hätten, wenn sie doch nur auf ihn gerichtet wären. Waren sie aber nicht! Kolbig konnte nur solange schneidig und elegant wirken, solange er nichts sagen musste. Nun aber musste er sich äußern und zwar ohne sich an Paragraphen halten zu können: «Frau Richterin, mir ist der Verbleib meines Mandanten unbekannt. Gestern hat Herr Hardenberg noch mit ihm in der Haftzelle des Präsidiums gesprochen. Und heute erwartete ich, ihn hier anzutreffen!» Die Richterin nahm kommentarlos ihr Diktaphon in die Hand. Erst diktierte sie die Formalitäten wie Ort, Datum, Uhrzeit, dann die Anwesenden, wobei Niklas krampfhaft versuchte einen besonderen Tonfall herauszuhören, als sein Name ins Protokoll des Magnetbandes wanderte; dann wurde sachlich und eiskalt die Abwesenheit des Beschuldigten Francis Arthur Suthers, dessen Beruf einfach als „Regierungsbeamter“ angegeben wurde, konstatiert. „Regierungsbeamter“ - das klang Niklas Hardenberg sehr verdächtig dilettantisch! Die Richterin war also eingeweiht. Doch das mysteriöse Verschwinden des Beschuldigten passte offensichtlich in kein Konzept. «Rechtsanwalt Kolbig gibt an, über den Verbleib seines Mandanten nicht informiert zu sein. Er wird vom Gericht darauf aufmerksam gemacht, dass er keine falsch Aussage tätigen darf. Daraufhin wird er noch einmal gefragt, ob er wisse, ob sein Mandant flüchtig sei.» Sie hatte mit dem Diktaphon gesprochen, nun richtete sie einfach ihren fragenden Blick auf Kolbig. «Nein, definitiv: ich weiß nicht, ob mein Mandant flüchtig ist. Das müssten Sie die Herrschaften des Präsidiums fragen!» «Schreiben Sie mir nicht vor, was ich müsste!» Niklas erwartete jetzt einen pfiffigen Widerspruch seitens Kolbig. Aber der schnieke Anwalt schwieg einfach.

View more