Sind Körperflüssigkeiten von Uri Nachtigall in Ayleens Leiche? Wird das je jemand erfahren? Oder bleibt der Eindruck, dass Rufus eine eigenständige Figur ist?

Gelegenheit über SOKRATES, die Technik des Fragenstellens, Hermeneutik zu philosophieren.
Über Implikationen in Fragestellungen habe ich schon häufiger geschrieben. Es gibt sozusagen keine voraussetzungslose Frage: "Wie heißt du?" beispielsweise impliziert schon, dass der angesprochene einen Namen hat und diesen nur als Antwort preisgeben muss. Selbst bei einer Antwort wie etwa "Das kann ich dir nicht sagen" würde man nicht sofort daran denken, dass der Gefragte es nicht sagen kann, weil er gar keinen Namen hat, sondern weil er anonym bleiben will oder muss. So ist unser Denken, Sprechen und unsere Kommunikation von unzähligen Implikationen durchsetzt, es sind stillschweigende Voraussetzungen, die sowohl Verständigung als auch Mißverständnisse ermöglichen.
Implikationen sind das Ungesagte, das Unausgesprochene, was sich in Sätzen befindet und ebenfalls eine große Rolle spielt.
Die Kunst des Verstehens (Hermeneutik) setzt sich mit dieser Problematik auseinander und versucht Methoden der Interpretation zu entwickeln, damit das Unausgesprochene und im Verborgenen Liegende möglichst verständlich und verbindlich zu Tage gefördert werden kann. Und "verbindlich" bedeutet in diesem Fall auch logisch einsichtig, so dass man eigentlich am Ende im besten Fall ein Aha-Effekt hat.
So wäre die Interpretation eine echt bereichernde Tätigkeit; leider ist die Hermeneutik nicht nur mit Ideologie behaftet und belastet, ich würde am liebsten sagen: konterminiert, sie ist zudem auch noch obendrein an Machteffekte gekoppelt: Wer hat das Recht, die richtige Auslegung einer sprachlichen Äußerung für sich zu beanspruchen? Z.B. die Bibelauslegung. Aber auch juristische Texte erfordern eine Interpretation und Anwendung auf einen konkreten individuellen Fall, was der Interpretationsmacht eines Gerichts und der Richter darin obliegt.
In der Dichtung hat auch der Staat die Hand über die Interpretation gelegt: es sind Schule und Lehrer, die Texte auswählen, gewichten und bestimmen, was gelesen und wie von Schülern gedeutet werden muss. Und in diesem Kontext steht die Frage: was will uns der Dichter damit sagen? Und auch hier die Implikation: a) der Dichter will etwas sagen? b) wir sind seine Adressaten? wobei man schon fragen darf, wer denn dieses "wir" nun schon wieder sein soll! Die Gemeinschaft derjenigen, die dem Deutschunterricht ausgesetzt sind?
Wer Fragen zu fiktionalen Texten stellt, muss sich auch auf diese Texte einlassen und schon vor seinen Fragen damit anfangen, für sich Implikationen zu entdecken und aufzudecken. Was in dem bisher Geschriebenen spricht dafür, dass Uri Nachtigall und Rufus dieselbe Person sein könnten? Und warum gehst du davon aus, dass Themen unerledigt bleiben werden ("wird das je jemand erfahren")? Und warum ist es nur ein "Eindruck", dass Rufus eine eigenständige Figur ist? Steckt dahinter die Behauptung, dass Uri Nachtigall als mein Avatar nekrophil sei und damit womöglich auch ich? Das wäre ein Fall von hermeneutischem Dilettantismus.

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