Da stellt jemand anonym eine Frage zu SOKRATES und denkt, ich könnte aufgrund der Wortwahl und des besonders suggestiv-implikativen Stils nicht erahnen, wer es ist. Aber lassen wir das! Kommen wir lieber zu SOKRATES Folge 226: der Wald und die Koma-Patienten...

Uri Bülbül
«Einen Fisch und einen Kapitän namens Nemo gibt es schon, einen Nasenbär noch nicht. Jetzt kann es einen Kapitän, einen Fisch und einen Nasenbär geben. Alle mit Namen „Nemo“.» Lara hasste Sport, lange Wanderungen, überhaupt jede Form von unnötiger körperlicher Anstrengung. Sie bekam kaum noch Luft durch das schnelle gehen, während es drückend schwül wurde, als wären sie in einem tropischen Gewächshaus. «Bist du sicher, dass wir in die richtige Richtung laufen?» fragte sie atemlos. Basti schien diese Wanderung weniger Probleme zu bereiten, obwohl auch sein Hemd durchgeschwitzt war. «Ich bin mir nur sicher, dass wir Rudi folgen müssen. Wenn er sich nicht verirrt hat, sind wir auf dem richtigen Weg, sonst sind wir verloren!» «Vielleicht könnte uns auch Nadia helfen», warf Lara ein. Sie brauchte dringend eine kleine Verschnaufspause. «Vielleicht können wir aber auch hier auf Nadia warten, bis wir alt und grau sind!» erwiderte Basti ungeduldig. Sie befanden sich an einem steilen Anstieg, der mit Büschen, Bäumen, Farn und Schlingpflanzen dicht bewachsen war. Es kostete viel Kraft sich durch diesen Wildwuchs nach oben zu kämpfen. Immerhin kletterten sie auf einen Berg oder Hügel mit einem steilen Hang. Das konnte so falsch nicht sein, was Lara etwas beruhigte. Über ihnen im Himmel kreisten Zopilote mit weißen und schwarzen Federn, grauen Federkragen am orangenen Hals, einem braunen Kopf und mit einem orangenen Kamm über ihren Schnäbeln, wo sich ihre Nase befand. Einige von ihren kreischten und krächzten grausam laut. «Die warten nur, bis wir vor Müdigkeit umfallen, dann kommen sie und hacken uns die Augen aus und weiden sich an unseren Innereien», bemerkte Basti düster. Diese Vögel mit ihren langen scharfen Krallen, die immer näher kamen in ihrem Kreisflug, waren in der Tat Angst einflößend. «Ich kann nicht mehr», stöhne Lara.
Doktor Theresa machte um halbsechs Uhr in der Frühe noch eine Runde durch die Intensivstation. Die Apparate (und mit deren Hilfe sie selbst) hatten alles unter Kontrolle. Die Werte waren normal, die Geräusche regelmäßig auf der Station. Aber Theresa suchte noch einmal den Kontakt zu den Schlafenden und im Koma Liegenden, wovon es nun zwei seltsame wie schwere Fälle gab. Ein Patient lag schon seit über einem Jahr auf der Station: Karl Lembrecht, ein Langzeitstudent, der schon die Dreißig überschritten hatte, und nun seit gestern die Kommissarin Johanna Metzger nach ihrem Verkehrsunfall. In Lembrechts Zimmer war es seltsam kühl; Theresa überprüfte die Fenster, die Regelung der Klimaanlage und stellte sich anschließend ans Bett des Patienten. Sie berührte seine Stirn, streichelte ihn ein wenig gedankenverloren, wurde aber das Gefühl der Kälte nicht los. Was stimmt hier nicht? fragte sie sich und fand keine Antwort auf ihre Frage. In einer halben Stunde würde ihr Dienst vorbei sein, sie hatte die Patientenkartei dieses Mannes immer wieder durchgelesen. Sein letzter Arztbesuch, bevor er ins Koma fiel, lag über drei Jahre zurück.

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