Zwei Dinge sind zu sagen: 1. als ich meine Zwischenbemerkungen zu SOKRATES schrieb, erwähnte ich zwei Personen nicht, die eine Rolle in dem kafkASKen Fortsetzungsroman spielen: @Gedankenkammer und @DerApfeltyp ; 2. Diese Personen werden selbstverständlich ihren Platz im Roman finden: Folge 227

Uri Bülbül
Er hatte sich aus Sorge vor Hepatitis eine Blutuntersuchung machen lassen, und es war damals nichts diagnostiziert worden. Warum er das gemacht hatte, war unklar. Er war nicht verreist gewesen oder in einen Unfall oder ähnliches verwickelt. Vielleicht hatte er eine Sexpartnerin oder einen Sexpartner mit Hepatitis und hatte dann Angst, sich angesteckt zu haben. Aber das war Spekulation. Und Doktor Theresa Wagner mochte keine Spekulationen – höchstens Hypothesen! Jedenfalls war die Blutuntersuchung ohne Befund gewesen. Und als er wegen des Komas durchgecheckt wurde, blieb es bei diesem Ergebnis. Karl Lembrecht war ohne Befund und doch im Koma. Er war ein interessanter wie rätselhafter Fall, dieser Lembrecht. Theresa sah ihn sich lange an, bevor sie zur Kommissarin ging.
Als Hoffmann aus dem Gericht zurück ins Präsidium kam, riefen zwei Kollegen aus dem Bereitschaftsdienst ihn zu sich. Sie hatten eine aufgewühlte, völlig zerzauste Frau vor sich sitzen, die unbedingt eine Vermisstenanzeige aufgeben wollte, aber einen stark verwirrten Eindruck machte. Die Polizisten hätten sie für gewöhnlich nicht ernst genommen, ihre Anzeige aufgenommen und beiseite gelegt oder sofort in den Papierkorb geschmissen, weil sie sie für verrückt gehalten hätten. Aber in letzter Zeit war einfach zu viel Seltsames passiert, als dass sie von einem Normalfall ausgehen konnten. Und da kam ihnen HK Hoffmann gerade recht. Er verstand etwas von verrückten Frauen und wirren Geschichten. Ein etwas unbeholfen dreinblickender Bereitschaftspolizist saß an einer altertümlichen Schreibmaschine und nahm die Aussage einer zerzausten Brunetten auf; eine schlanke Frau etwa um die Mitte Vierzig mit großen neugierigen und lebhaften graugrünen Augen, einem spitzen Gesicht und feinem Mund rang offensichtlich nach Fassung und versuchte dem Beamten ihr Anliegen am Rande ihrer Geduld zu erklären. Sicherlich hatte sie eine sehr anstrengende Nachtwanderung hinter sich, hatte wohl auch häufiger mit dem Boden Ganzkörperkontakt gehabt, ihre Hose hatte Grasflecken und hier und da klebte Erde am Hosenschlag und an ihren Schuhen, aber der Blick in ihr Gesicht verriet Hoffmann, dass diese Frau nicht irre war. «Guten Tag, ich bin Hauptkommissar Julius Hoffmann. Ich habe gehört, sie vermissen Ihre Tochter und eine weitere Person?!» Ein dicker Mann hatte das Zimmer betreten; respektvoll nickte der Polizist an der Schreibmaschine ihm zu. Als er sie kompetent und ruhig ansprach, löste sich in ihr ein Knoten, ein Krampf der schmerzhaften Hoffnungslosigkeit und sie hätte beinahe geweint. Aber das gehörte nicht zum Repertoire einer wahrhaften kämpferischen Mutter, die tief besorgt um ihre Tochter nun die Hilfe der Polizei suchte. «Ja, ich vermisse meine achtzehnjährige Tochter Lara und einen Freund mit dem sie unterwegs war. Sie wollten nur ein bißchen spazieren gehen und kamen nicht wieder. Sie sind die ganze Nacht weggeblieben und auch heute morgen nicht aufgetaucht.»

View more