Während in Uri Bülbüls Leben so vieles in Bewegung ist, stagniert das Leben seines Avatars im Roman ein wenig. Sollte es nicht eigentlich genau umgekehrt sein? Die Nachtigall gerät zur Nebensache, wo ein Niklas Hardenberg auftaucht - er ist der Ontologe des Nichts. SOKRATES Folge 235...

Uri Bülbül
«Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind die Kinder noch hinter der Villa weiter in den Wald gelaufen, nicht wahr?» «Ja, ja, aber ich habe mich am Abend auch verirrt, bin irgendwie im Kreis gelaufen und kam in dieser Richtung wieder auf den Waldweg und irgendwo ganz in der Nähe stieß ich mit Ihrem Kollegen zusammen.» Betti wurde nun wieder aufgeregter, je näher sie dem Ort ihrer Suche und des Geschehens kamen. Hoffmann hingegen blieb sachlich und ruhig: «Wissen Sie noch, welches Auto mein Kollege fuhr?» «Ja, es war ein Porsche. Ich weiß nicht mehr, welche Farbe, aber er bekam eine Beule und die Windschutzscheibe könnte auch kaputt gegangen sein.» «Wissen Sie, was er dann machte, nachdem Sie wieder weg waren?» Betti musste nicht lange überlegen. Sie war in den Wald gerannt und aus sicherer Entfernung hatte sie dann, beobachtet, was der Kerl, der sie angefahren hatte, tun würde. «Ja, er fuhr in Richtung Villa weiter.» Sie lauerte auf einen Kommentar, der aber ausblieb. Plötzlich stoppte er den Wagen. «Hier ist, glaube ich die Unfallstelle der Kollegin Metzger!» Die Spuren am Wegesrand, die Narbe am Baum, die umgeknickten Sträucher – all dies verriet die Unglücksstelle. Hoffmann stieg aus dem Auto. Betti hatte kurz das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Sie hörte aus einer unwirklichen Ferne ein Geigenspiel. «Werde ich nun verrückt?» fragte sie sich, sah sich im Auto um, schaute nach rechts und links aus dem Fenster, dann durch das Heckfenster. Sie konnte natürlich niemanden sehen, der Geige spielte. Hoffmann inspizierte sorgfältig und konzentriert die Unfallstelle. Betti stieg ebenfalls aus dem Auto. Sie machte ein paar vorsichtige und leise Schritte, um ihn nicht abzulenken. Die Spuren aber verrieten ihm nicht viel, vielmehr blieben Fragen offen. Wahrscheinlich Fragen, denen auch sein Kollege Alfred Ross nachzugehen versuchte. Aber er musste noch mehr gewusst haben; denn wie sich Bettis Bericht von der Begegnung anhörte, war er in höchster Eile. Was trieb ihn dazu? Mit dieser Frage fiel ihm blitzartig wieder ein, dass er um 13.00 Uhr eine Verabredung mit der Richterin beim Italiener hatte. Er musste sich beeilen, wenn er vorher noch eine Spur von Lara finden wollte. «Kommen Sie», rief er zu Betti hinüber, die ein paar Meter weiter gegangen war. «Lassen Sie uns weiter fahren. Wir müssen in die Psycho-Villa, uns dort einmal umhören und ein Kleidungsstück von Lara mitnehmen, damit Friedhelms Hunde endlich zum Einsatz kommen können.» Betti war erleichtert. Es gefiel ihr ausgezeichnet, dass Hoffmann so entschlossen vorging.
Von „entschlossenem Vorgehen“ konnte in einem anderen Fall nicht annähernd die Rede sein: der Milliarden schwere Niklas Hardenberg war in dieser Sache wie gelähmt. Das Gewicht seines plötzlich auf dem Konto aufgetauchten Reichtums erdrückte ihn einfach. Es wäre egal, ob jemand unter einer Tonne Blei oder Gold und Diamanten begraben wurde – eine Tonne blieb eine Tonne und machte Tausend mal tausend Gramm. Was für ein Wahnsinn!

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