Ach lassen wir doch Uri Nachtigall mit seiner gebrochenen und schmerzenden Nase in seinem Bettchen liegen. Schwester Lapidaria hat ihn bestens versorgt. Schauen wir lieber auf die Geschichte des ominösen Investigators. SOKRATES Folge 236:

Uri Bülbül
Alles an Wahnsinn passierte. Mal in voller Nüchternheit und mal in trunkenem Schlaf nach einer Flasche Bourbon! War dieser Kairos, der geflügelte junge Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf und dem Haarschopf über der Stirn womöglich mit Dionysos, dem Gott des Weines und Rausches und der rauschhaften Feste und Orgien verwandt? Natürlich meinte Hardenberg, wenn er das dachte: „in einer ganz besonderen Weise“ verwandt. Denn „irgendwie“ verwandt waren ja schließlich alle griechischen Götter? Aber er schüttelte über sich selbst und seine Gedankengänge den Kopf! Das war ja schon der schleichende Wahnsinn, dass er anfing, in mythologischen Kategorien zu denken! Aber die Zahl auf seinem Konto, die den Kontostand seines irrwitzigen Guthabens anzeigte, war real. Der Bankdirektor reagierte darauf. Aber das konnte ja auch bedeuten, dass das Finanzamt bald darauf reagierte. So saß Niklas Hardenberg wie gelähmt vor seinem Computer, ließ seine Gedanken kreisen wie Aasgeier, die nur darauf warteten, dass er verendete. War es in dieser gegebenen Situation nicht viel, viel besser, an die schöne Richterin zu denken? Mehr als tausend Millionen auf dem Konto! Was sollte er nur machen? Kolbig fragen, ob er nicht mit zehn davon, also bitte, das war ja nur ein Prozentelchen, abhauen könnte? Wäre das Unterschlagung? Diebstahl? Betrug? Aber mitnichten! Er hatte es niemandem weggenommen, er hatte niemandem Lügenmärchen erzählt, um an diese gigantische Summe zu kommen, er hatte absolut nichts unternommen und dennoch ereilte ihn diese Geldlawine! Und er war darunter begraben, ohne eine Chance, sich zu befreien! Als ob er in einer finsteren Kiste säße mit einem wahnwitzigen Druck auf seiner Brust – ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte, wenn er denn überhaupt noch lebte. «Nicht wieder in den cartesischen Zweifel verfallen», sagte er sich aufmunternd, «du kannst jetzt keinen Zweifel, keine Kantkrise gebrauchen! Du warst heute morgen bei Gericht, hast den Haftprüfungstermin miterlebt und saßst dem Kommissar gegenüber, dem du schon einmal... aber nein, denk besser gar nicht erst daran; denn das ist schon ein Teil des Wahnsinns!» Aber genau diese Aufforderung bringt es natürlich mit sich, dass man an die Geschichte denken muss, die man zu verdrängen versucht; die Negation schlägt immer zurück als Setzung, das weiß jeder Logiker. Und da ist sie - die alte Geschichte: Wie fing das damals an - das alles mit dem verdammten Auftrag. Erst ging das Handy und dann standen zwei Typen in grauer Norm an der Tür, und die Quintessenz war: sie können auch anders. Und die wichtige Frage für Niklas, die er aus seinem Bewusstsein zu verdrängen suchte, lautete: Hätte er denn auch anders gekonnt??? Er schlich mißtrauisch durch seine eigene Wohnung, betrachtete seine Utensilien auf dem Schreib- und Arbeitstisch, den Kleinkram in den Regalen und versuchte für sich herauszufinden, ob irgend etwas davon vielleicht während seiner Abwesenheit den Platz, die Lage oder sonst irgend etwas verändert hatte.

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