Nein, ich kann nicht wirklich so tun, als wäre mir der Einbruch der Dunkelheit in meinem Paradies so früh schon egal! Ich schreibe einfach die Einleitungsfrage zur 244. Folge und weiß, dass es finster um mich wird: SOKRATES Folge 244...

Uri Bülbül
«Das Paradies wird im christlich-jüdischen Mythos in der Regel mit dem ewigen Leben assoziiert. Die Unsterblichkeit wird zum essentiellen charakteristischen Merkmal des Paradieses. Eigentlich könnte das die Konsequenz einer Überlegung sein, die ich Ihnen gleich darlegen möchte. Doch dazu gibt es auch eine Vorüberlegung, die von der Interpretation des vorhandenen Paradies-Mythos ausgeht.Der Garten Eden ist der Ursprungszustand der Schöpfung. Das Paradies also ist vom Schöpfer gewollt und zwar nicht als eine Alternative zu einem anderen Ort, sondern als der Ort schlechthin.» So philosophierte Uri Nachtigall Kaffee schlürfend in sein ThinkPad. Er las seine Sätze noch einmal und vergaß darüber beinahe schon den Schmerz an der Nase. Er war Schwester Lapidaria sehr dankbar dafür, dass sie Ross so radikal gestoppt hatte. Zugleich aber stieg in ihm ein mulmiges Gefühl auf, obwohl er nicht die leiseste Ahnung hatte, wie radikal Schwester Lapidaria vorgegangen war. Denn er hatte nicht bemerkt, wie sie, nachdem sie den Elektroschocker eingesetzt hatte, Alfred Ross noch eine Spritze mit Etorphin-Hydrochlorid injizierte. Dieses Betäubungsmittel hätte einen Walross für einige Stunden niederstrecken können, erst recht also einen Kommissar Alfred Ross! So hatte die psychiatrische Krankenpflegerin und mehr oder minder heimliche Königin der Psycho-Villa nicht nur Zeit genug, Uri Nachtigall zu verarzten, auf dessen Nase ein Fluch zu liegen schien, sondern auch mit einem Alarmknopf Frank Norbert Stein und Rufus in den Dienst zu beordern. Uri Nachtigall war noch in Schwester Lapidarias Behandlungszimmer, als die beiden im weißen Kittel die Anweisung erhielten, Ross „transportfertig“ zu machen. «Der Patient wird gleich wieder kommen. Haltet euch zügig ran! Und Rufus! Achte mehr auf deine Körperhygiene, du stinkst schon wie Gammelfleisch!» fügte sie noch hinzu. Rufus erschrack und stotterte irgendetwas Unzusammenhängendes, Lapidaria aber wandte sich einfach ab und hörte gar nicht weiter zu. «Los, lass uns lieber um dieses Gammelfleisch kümmern», brummte Rufus, indem er auf den bewusstlosen Kommissar deutete. Frank konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen; aber als sie Ross auf einer Bare hinaustrugen, musste er bekümmert daran denken, dass dies nun der zweite Polizist war, dem in der Nähe bzw. genau in der Psycho-Villa etwas zustieß. «Wenn wir Pech haben, wird es hier bald von Bullen wimmeln», rumorte er vor sich hin. Er konnte nicht sehen, wie Rufus bei diesem Spruch erbleichte. Es wäre ihm auch egal gewesen, denn die nächste Frage in diesem Zusammenhang brannte ihm unter den Nägeln: «Hast du etwas mit dem Verschwinden des Delphin-Blags und Lara zu tun?» Wie ein Schlag im Nacken saß nun diese Frage, so dass Rufus beinahe gestolpert wäre. «Was?! Nein, natürlich nicht!» «Ach ja, natürlich – nicht!» spöttelte Frank. Und nachdem sie Ross in seinem Black-Kubus, wie sie es nannten, verstaut hatten, verständigten sie den „Abholdienst“.

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