Der Abend bricht früh ein, kaum verschwindet die Sonne, wird es kalt. Der Sommer ist gegangen, die Botschaft, dass die Liebe stirbt, angekommen. Zeit also für SOKRATES Folge 245:

Uri Bülbül
«Du kennst sie?» fragte Viktor. «Wen? Was? Filomena? Oder die Kekse?» Viktor lachte: «Wen oder was auch immer!» Basti zuckte die Achseln: «Verstehe ich nicht. Darf ich ein paar Kekse haben?» Viktor nickte freundlich: «Aber ja, ja doch, sicher. Nimm sie dir alle, wenn du magst. Ich kenne Filomena nicht persönlich. Irgendwann bekam ich ein Päckchen von ihr mit einem lieben Brief darin und den Keksen. Ich habe mich bei ihr bedankt und so begannen wir uns zu schreiben. Und immer wenn sie antwortet, antwortet sie mir mit einem Päckchen Kekse und einem Brief.» Basti stopfte sich schon den dritten Keks in den Mund. Plötzlich hatte er einen großen Hunger. «Möchtest du auch etwas trinken?» fragte der grauhaarige Mann freundlich. «Milch mit Honig, bitte, ja?» brachte Basti mit vollem Mund mampfend heraus. Viktor schmunzelte väterlich: «Immer noch der Alte!» sagte er. «Was schreibst du dich denn mit Filomena?» fragte Basti mit ungezügelter Neugier. «Ach, dies und das. Sie ist eine Seele von Mensch und absolut empathisch, einfühlsam und äußerst interessiert. Ich bedauere, sie nicht persönlich kennenlernen zu können.» Er stellte Basti ein Glas mit Milch und Honig auf den Tisch, der sofort einen kräftigen Schluck zu sich nahm. «Oh, das tut gut! Eigentlich wollten wir bei Bellarosa frühstücken. Sie hat auch Filomena-Kekse, Milch und Honig und leckeres selbst gebackenes Brot. Kennst du Bellarosa?» «Ja, sie wohnt in einem dieser Turmhäuschen am Bassin. Aber ich besuche sie nicht. Ich habe keine Zeit dafür.» «Ach, Viktor! Danke für das leckere Frühstück. Es hat mich richtig gestärkt. Du hast keine Zeit, Bellarosa zu besuchen, aber du hast Zeit Filomena Briefe zu schreiben?»
Der Airbus wartete vor einem abgelegenen und besonders abgesperrten, bewachten Hangar. Der Platz war nur für Regierungsflugzeuge reserviert. Luisa betrachtete aufgeregt und erregt die Szenerie. Alles war wie ein Traum surreal und mit einer gehörigen Portion Erotik. Nein, mit einer ungehörigen Portion Erotik. Sie blieb verwirrt. Im Cockpit hingegen herrschte Klarheit: zwei Militärpiloten hatten den Auftrag, die A 319 vom Heimatflughafen nach Libreville in Gabun zu fliegen, dort einen Zwischenstopp von 12 Stunden zu machen, um dann Kurs auf die Malediven zu nehmen. Alles andere hatte sie nicht zu interessieren, interessierte sie auch nicht. Sie hatten keinerlei Fragen, das Flugzeug wurde startklar gemacht, die Checkliste abgearbeitet und als per Funk die Anweisung kam, sie könnten in etwa einer halben Stunde starten, die Turbofans angeschmissen. Nun galt es die nächste Etappe der Checkliste abzuarbeiten. Es war ein Frachtcontainer an Bord gekommen und es trafen zwei Passagiere ein. Eine psychologisch ausgebildete Spezialagentin war als Flugbegleiterin eingeteilt. Marcellus hatte wie Luisa diese Frau, die ihn ein wenig an Audrey Hepburn erinnerte, nie zuvor gesehen. Ihre Rehaugen waren herzlich und warm und kühl und distanziert zugleich. Von der Wärme ging auch eine mütterliche Autorität aus.

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