Wenn man die Nacht noch einmal beschreiben müsste, in der Lara und Basti bei Bellarosa blieben, weiß ich gar nicht, ob ich sie als ereignislos oder ereignisreich bezeichnen würde. SOKRATES Folge 247:

Uri Bülbül
Das musste ungefähr in der Zeit gewesen sein, als Betti zwei Stunden nach der Begegnung mit dem Brutalokommissar vergeblich durch den Wald irrte und immer und immer wieder Laras Namen rief. Bei Morgengrauen schließlich brach sie unter einem Baum zusammen und schlief erschöpft ein. Das Gezwitscher der Vögel weckte sie, noch bevor es richtig hell war. Sie sprang auf die Beine. Nein, diese Suche hatte so keinen Sinn. Sie wollte nun zur Polizei. Sie konnte etwas besser auftreten und ihr Fußgelenk tat nicht mehr so sehr weh. Was ein paar Minuten Schlaf ausmachen kann, ging es ihr durch den Kopf. So machte sie sich auf den Heimweg in die Villa. Und doch dauerte ihre Ankunft dort bis zum Morgengrauen. Schwester Lapidaria brachte ihr Make Up in Ordnung. Der Störenfried Ross war auf den Weg gebracht, das Vögelchen beruhigt. Fehlte nur noch, dass er schnell nach Hause wollte. Das hatte sie fürsorglich verhindert. Solch ein Quatsch war gar nicht erst Thema geworden. Kaum war also Ruhe ins Sanatorium eingekehrt, schon hörte sie wieder Schritte im Eingangsbereich. Sie trat auf den Flur, ging den Geräuschen entgegen und begegnete Betti. «Guten Morgen. Wo kommst du denn um diese Zeit her?» Betti war erschöpft und entnervt. «Komm erst einmal in den Aufenthaltsraum. Ich koche dir Tee», bot Schwester Maja an. Betti zögerte. «Die Kinder. Sie sind nicht wieder zurück von ihrem Spaziergang, oder?» Maja verzog eine Augenbraue: «Nein, ich habe Lara und Basti nicht gesehen. Sind sie nicht auf ihrem Zimmer?» «Ich glaube nicht.» Die Schwester wusste, dass sie die besorgte Mutter nun nicht mit einem Tee beruhigen konnte. «Lass uns nachsehen», schlug sie daher vor. Beide Zimmer und beide Betten waren leer und unbenutzt. «Ich verstehe das nicht. Sie wollten einfach nur noch ein bißchen länger spazierengehen und nun sind sie schon die ganze Nacht weg.» Jetzt war es Zeit für einen Tee. «Jetzt trinken wir erst einmal einen Tee und überlegen uns, was wir tun sollten», schlug Schwester Maja vor. «Ich will zur Polizei», sagte Betti kurz angebunden. Wieder zog Maja eine Augenbraue hoch. «Ja, das wäre sinnvoll. Aber trink erst einmal einen Tee und erhol dich kurz. Du warst sicher die ganze Nacht unterwegs. Du siehst aus, als wärest du aus dem Irrenhaus entlaufen. Du trinkst einen Tee, machst dich etwas frisch und ich rufe dir ein Taxi. Es ist besser, wenn du direkt ins Polizeipräsidium fährst und dort einen Kommissar erwischst. Auf irgendeiner Polizeiwache nehmen sie zwar deine Vermisstenanzeige auf, aber es dauert Stunden, wenn nicht Tage, bis sie bearbeitet und weitergeleitet wird. Denn es sind schließlich keine kleinen Kinder, die vermisst werden.» Was Schwester Maja sagte, klang vernünftig. Sie sah Betti nach, wie sie ins Kaminzimmer ging. «Ich werde kein Pülverchen in ihren Tee mischen», dachte sie. «Soll sie sich doch auf den Weg ins Präsidium machen und mit einem Kommissar zurück kommen. Was haben wir zu verlieren?» Und so geschah es auch.

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