Ich muss, wie bereits angekündigt, die Anzahl der SOKRATES-Folgen pro Monat reduzieren. Aber kein Grund, nicht einen Blick in die große Black-Box zu werfen: SOKRATES Folge 252

Uri Bülbül
Alfred Ross tappte sowohl innerlich als auch äußerlich vollkommen im Dunkeln. Als ob wahnsinnige Kopfschmerzen und Durst nicht reichten, gesellte sich nun auch starker Harndrang hinzu. Er musste etwas unternehmen, wenn er nicht in die Hose urinieren wollte. Die Frage, wo er sich befand, konnte er sich sparen; die Frage, was geschehen war, führte ins Nichts einer klaffenden Erinnerungslücke. Erst musste er also in seiner Gegenwart richtig ankommen – ganz ohne eine Antwort auf rückblickende Fragen. Das Schwarz aber blieb. Und die Kopfschmerzen verhinderten jeden klaren Gedanken. Ohne Orientierung stand er vorsichtig auf. Der Raum, in dem er sich lichtlos befand, schien hoch genug zu sein, dass er stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen. In Zeitlupe hob er seine Arme hoch. Erst streckte er sie wie beim Blindekuhspiel nach vorn, dann höher über den Kopf, weil er wissen wollte, ob er die Decke des Raumes fühlen konnte. Der Harndrang wurde stärker. Seine Nieren hatten ihren Dienst getan und das Betäubungsmittel aus seinem Blut gefiltert und in die Blase befördert. Ross musste ganz dringend austreten. Er tastete, da er nun bequem stehen konnte, seine Taschen ab in der Hoffnung sein Handy zu finden und damit Licht machen zu können. Aber wer ihn auch hierher gebracht hatte, wo immer er sich nun genau befinden mochte – war er womöglich im Keller der Psycho-Villa? - eines stand fest: Ross war alles an Habseligkeiten weggenommen worden. Sogar sein Dienstausweis und seine Dienstwaffe fehlten. Ebenso seine Schlüssel, seine Papiere, sein Geld, seine Scheck- und Kreditkarten. Er hatte leere Taschen – sonst nichts! «Ich werde irgendwohin pinkeln müssen; ich weiß mir keinen Rat», sagte er sich. Doch das war erst die Ultima Ratio! Erst einmal rief er aus vollem Hals: «Hey! Lasst mich hier raus! Lasst mich hier sofort raus!» Er lauschte. Die Finsternis schien seine Stimme zu verschlucken. Es drangen ja auch keine Geräusche von außen zu ihm rein! Warum sollte er von draußen gehört werden können. Es war ein Albtraum.
«Das ist ja der Albtraum eines jeden Piloten», sagte der Käptn, als der Methusalem im Schlafrock sich wieder aus dem Cockpit verzogen hatte. «Wie hat er das bloß geschafft?» fragte der noch immer verdutzte Kopilot. «Keine Ahnung! Aber es wird Zeit, die Tür wieder zu schließen», antwortete der Käptn, was eine klare Aufforderung war, zu handeln. Als endlich die Tür wieder geschlossen und der Normalzustand für die Piloten hergestellt war, auch wenn die wichtigste Frage, wie das überhaupt geschehen konnte, offen blieb, meldete sich der Käptn bei der Flugkontrolle, um seine Absicht mitzuteilen, den Flughafen von Faro für eine Zwischenlandung anzufliegen. «Wissen Sie eigentlich, was dieser Mann für eine Funktion, für ein Amt inne hat oder welchen militärischen Rang? Er behandelt uns wie Dienstpersonal», echauffierte sich der Kopilot. Langsam ging der Airbus in Sinkflug über. In diesem Moment klopfte es an der Cockpit-Tür. Verwundert sahen sie einander an.

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