Auch wenn ich am heutigen 1. Weihnachtstag in Gedanken bei Philomena @Phinaphilo bin, gehört diese 269. Folge des SOKRATES-Romans einer Reflexion über Nadia http://ask.fm/iwillslaughteryou - Was für ein Profilname! Ich glaube, sie ist nicht nur in SOKRATES eine bezaubernde magische Fee :)

Uri Bülbül
Plötzlich war sie dagewesen wie ein Geist. Aber sie hatte nicht unangenehm oder gar fürchterlich gewirkt. Ihre Stimme war warm gewesen, etwas tief und sehr angenehm. Eigentlich hatte sie ihn zu beruhigen versucht: «Bleiben Sie ruhig und gelassen. Denn Sie wissen: in der Ruhe liegt die Kraft.» Aber das war nicht alles. Sie hatte noch mehr gesagt. Und nun, da der Hauptkommissar Alfred Ross in der Finsternis saß und der Boden unter ihm schwankte, sich in eine Schieflage drehte, da bekam die Botschaft eine ganz besondere, eine schier hellseherische Bedeutung: «Es kann etwas sehr Unangenehmes passieren.» Er wollte sich nicht von der seltsamen Erscheinung aufhalten lassen. Sie war aus dem Nichts plötzlich aufgetaucht wie eine Fee! Ein Traum, dachte er, das konnte nur ein Traum gewesen sein, auch wenn er sich nicht so angefühlt hatte – ganz im Gegenteil: der handgreifliche Teil dieser Begegnung war sehr real gewesen. Er spürte die Blessur immer noch. «Wenn du eine Fee bist, warum tauchst du nicht wieder auf!» schrie er plötzlich. Die Akustik in der Finsternis des Containers, in dem er sich befand, erschreckte ihn sehr. Er hatte aus vollem Hals gebrüllt, mit seiner Stimme, die ihm so vertraut war und im ersten Moment, als der Ruf seinen Hals verließ genauso klang, wie er es erwartet hatte; in dem Raum aber, dessen Wände sie verschluckten, wurde die Stimme so fremd und fremdartig von einem Nichts aufgesogen und klanglos zum Schweigen gebracht, als gäbe es gar keinen Raum um ihn. Auf eine ganz seltsame Weise wurde ihm dadurch seine Einsamkeit in der Finsternis widergespiegelt. «Du warst gar keine Fee, stimmt's», sagte er resigniert. Es machte ihm Angst, sich selbst zu hören, und nur sich selbst, als gäbe es außer ihm nichts mehr, keine Welt, kein Licht, kein Leben. «Geh auf die Knie, Nilam!» konnte er sagen und seine Partnerin niederdrücken, bis sie in die Knie vor ihm ging und seine Hose mit zitternden Fingern friemelnd öffnete. Genauso fremd, wie er sich damals vorgekommen war, beim ersten Mal, als sie dieses Spiel mit ihm spielen wollte (wollte sie doch, oder?), so fremd kam er sich nun in der Dunkelheit vor, in die er wie ein Irrer nach einer Fee gerufen hatte, nach einer Fee mit einem Hut auf dem Kopf und einem Sonnen- oder Regenschirm in der Hand farblich passend zu ihrem Kleid und Hut. «Wer bist du?» murmelte er. Er murmelte es in diese allgegenwärtige Dunkelheit. Er konnte schon fast nicht mehr sagen, wie es war, etwas sehen zu können. Aber sie sah doch ganz anders aus, als seine Partnerin. Sie war eine schwarzhaarige Fee mit langen, leicht gelockten Haaren, kräftigen schwarzen Augenbrauen, dunklen Augen und einem wunderschönen fülligen Mund, der ihr einen sehr warmen und weichen Ausdruck verlieh, obwohl ihre dunklen Augen etwas Scheues hatten wie ein Reh.

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