Während ich an meinem Blog http://sokrates-roman.blogspot.de/ schreibe, entsteht auch die 274. Folge des SOKRATES-Romans - Philomenas Traum:

Uri Bülbül
Gerade als die Maschine knapp 300 feet über dem Boden schwebte, schlummerte Philomena kurz ein. Sie träumte von einem Waldweg; es war Herbst und der Weg mit Laub bedeckt, irgendwo lag... Oh, mein Gott! Sie erschrak ein kleines Kind auf dem Boden, Gesicht nach unten direkt in die Kieselsteine des Weges gedrückt, reglos! Sie wollte sofort losstürzen, um das Kind umzudrehen und ihm wieder auf die Beine zu helfen. Aber sie kam nicht vom Fleck; ein stechender Schmerz in ihren Knien machte jede Bewegung unmöglich. Sie wollte vor Schmerzen aufschreien, vielleicht auch, weil sie hoffte, dass jemand sie hörte und zu Hilfe kam – nicht, um ihr zu helfen. Das war ihr in diesem Moment nicht so wichtig, sondern um das zu tun, was sie eigentlich tun wollte, aber wegen der Schmerzen nicht konnte. Sie kam ja einfach nicht vom Fleck! Aber auch ein Schrei war nicht möglich. Sie bekam keinen Ton aus ihrer Kehle. Da erschien jemand in weiter Ferne auf dem Weg; ein Schatten und als dieser Schatten schemenhaft näherkam, erkannte Philomena die Gestalt einer jungen Frau in einem schwarzen Kleid. Da sie auf den Boden vor sich auf das Kind sehen musste und ihre Augen nicht von dem reglos liegenden Kind abwenden konnte, fielen ihr die schwarzen Stiefelletten der jungen Frau auf. Wie schön sie waren – so elegant! Sie kam näher, als ginge sie nicht auf einem Waldweg, sondern auf einem Laufsteg für Models. Sie hatte eine Geige in der Hand, sie legte sie an und begann zu spielen, während Philomena ihr zuzurufen versuchte, sie solle das Kind retten, ihm auf die Beine helfen. Eine Melodie erklang und erfüllte den ganzen Wald. Philomena aber bekam keinen einzigen Ton aus ihrem Hals. «Oh mein Gott, was ist nur mit mir los?» fragte sie sich. «Das ist ja ein Albtraum! Warum hilft ihm diese Person nicht? Und spielt einfach auf der Geige ihre Melodie.» Philomena erkannte es: es war das Lied aus Anatevka „Wenn ich einmal reich wär'“. Die Geigerin in Schwarz blieb neben dem Kind stehen und spielte weiter; spielte Variationen der Melodie, improvisierte, war gänzlich in ihr Spiel vertieft, ging mit ihrem ganzen Körper mit der Melodie und den Tönen, die sie hervorzauberte. Sie war virtuos auf der Geige. Philomena gab es auf, sich bewegen und rufen zu wollen. Eine Geste musste genügen, ein Hinweis mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf das am Boden liegende Kind. Ja, das ging mühelos. Philomena konnte soger der Geigerin zuwinken, weil sie sie gar nicht wahrzunehmen schien und ausschließlich in ihr Spiel vertieft war. «Klar», dachte Philomena, «warum sollte sie mich wahrnehmen, wo sie doch direkt neben dem Kind, das am Boden liegt, steht, und es nicht registriert! Wie naiv von mir! Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Dieses Lied sagt mir: Gib die Hoffnung nicht auf! Du musst dem Kind helfen!» Die Geigerin kam langsam zum Ende ihres Spiels. Sie beendete es furios. Sollte Philomena ihr applaudieren? Die schwarze Fiedlerin hatte wunderbar gespielt – das konnte man nicht abstreiten

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