Nach den Zwischenspielen mit @Graf_Otto, der sich ebenfalls mit dem Gedanken trägt, ein Sokrates-Buch zu schreiben, komme ich nun zur Folge 275: Schuld.

Uri Bülbül
Philomena applaudierte in ihrem Traum frenetisch. Sie war begeistert von „The Fiedler on the roof“. Ihre ganze Sorge um das arme Kind, das auf dem Boden mit dem Gesicht nach unten auf dem Bauch lag, legte sie in ihren Applaus. Denn applaudieren konnte sie ungehindert und der Applaus war auch gut zu hören und schallte durch den Wald. Die schwarze Geigerin sah Philomena mit ihren dunklen braunen Augen freundlich an und plötzlich schien sie zu verstehen, worum es Philomena mit ihrem Applaus ging: sie wollte so gut und leidenschaftlich wie sie konnte auf das arme Kind aufmerksam machen. Da trat die Geigerin einen Schritt zurück und etwas zur Seite, holte mit dem rechten Bein weit aus wie eine Fußballerin beim Strafstoß, bei dem es darum ging, den Ball über die Mauer zu bekommen und trat kräftig wie ein Ball das Kind. Philomena war geschockt und schrie so laut sie konnte «Nein!» Das Kind flog durch die Luft und an dem Flug konnte man erkennen, dass es nur eine Stoffpuppe war. Philomena riss die Augen auf und hörte die aufheulenden Triebwerke als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Unsicher sah sie sich um. Sie war noch ganz ergriffen von dem Traum und hätte sich nicht weiter gewundert, wenn sie die Stoffpuppe auf dem Schoß vorgefunden hätte. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie nicht wirklich geschrien hatte.
Indessen saß Hauptkommissar Alfred Ross noch immer in der absoluten Finsternis des Albtraumcontainers – eine satte, ruhige, Frauenstimme ganz nah am Ohr und in der Ferne (wie war das nur möglich?) hörte er ganz leise eine Violine eine Melodie aus einem alten Musical spielen. «Du bist ein Vergewaltiger», sagte sie. Er war unsagbar müde; wahrscheinlich schlief er schon und träumte das alles nur. Aber von einer Müdigkeit solchen Ausmaßes hatte er noch nie geträumt. «Was?» lallte er mit schwerer Zunge, die sich kaum bewegen lassen wollte. «Du hast mich genau verstanden! Du bist ein Vergewaltiger und hast deine junge Kollegin schamlos mißbraucht!» Seine Lider wurden schwer, wenn er die Augen überhaupt offen hatte. Das konnte er angesichts dieser Finsternis überhaupt nicht mit Sicherheit sagen. Unkontrolliert lallte seine Zunge mit einem langgezogenen, ja, endlos gedehnten „U“ «Uuuuuuuaaaas?» «Du hast ihre seelische Not ausgenutzt! Sie brauchte Hilfe und du hast sie nur lüstern mißbraucht! Nilam und Eike! Denk nicht, dass ich das nicht weiß, du Schuft! Du hättest es melden und sie vom Dienst suspendieren lassen müssen! Statt dessen hast du dich an ihr verlustiert und vergangen! Und nun hat sie ihren Vater erschossen!» Er war wie gelähmt. Er hatte nicht die geringste Kraft mehr, den Anschuldigungen der seltsamen Fee aus dem Präsidium etwas entgegenzusetzen. Wenn sie mich doch nur schlafen ließe, ging es ihm durch den Kopf, nur schlafen! «Hast du wieder von dem Wasser getrunken?» fragte die Fee. Als Antwort gähnte er nur. Und nur ein einiges Wort kreiste in dem Strudel des innigen und exzessiven Gähnens durch den bleiernen Kopf des Kommissars: Schuld!

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