SOKRATES, der kafkASKe Fortsetzungsroman Folge 276... die nächsten beiden Folgen werden Pseudonym @Gehirn_Zelle gewidmet sein. Und dann wird Pseudonym im Kabinett der SOKRATES-Figuren ihr Plätzchen erhalten :)

Uri Bülbül
Der Airbus schwebte auf die Piste zu, als plötzlich eine Seitenwindböe die Maschine erfasste und fast um 20° gegen den Uhrzeigersinn drehte. Der Pilot gab spontan ein bißchen Gas, hielt die Höhe, korrigierte die Richtung, während der Airbus über der Landebahn schwebte. Der Käptn hatte schnell und richtig reagiert, etwas später als vorgesehen setzte nun das Hauptfahrwerk auf den Beton der Piste auf. Die Schubumkehr gehört bei der Landung eines Jets dazu, wie das Amen in der Kirche: Kaum berührte das Hauptfahrwerk den Boden, donnerten die Triebwerke los, als würde wieder durchgestartet. Diesesmal aber fuhren die Spoiler aus und sorgten für eine enorme Bremswirkung durch die Kraft der Düsentriebwerke. Der Airliner wurde kurz durchgeschüttelt, dann rollte er langsam und sicher über die Piste. Die überraschende Windböe hätte gefährlich werden können, das hatte der Käptn mit seiner Flugkunst gemeistert. Was nun auf sie zukam, war mit fliegerischem Können nicht zu bewältigen. Die beiden Männer im Cockpit schwiegen, während ein Lotsenfahrzeug von der Seite vor das Flugzeug fuhr und sie den gelben Blinklichtern folgen hieß. Das Donnern der Triebwerke bei der Schubumkehr war auch zu Alfred Ross in die Black Box durchgedrungen. «Wohin entführst du mich, meine Anatevka?» lallte der Hauptkommissar wie von einer schweren Narkose betäubt im Aufwachstadium. Er hörte Nadias warme Stimme: «Ich bin nicht deine Anatevka, Eike alias Alfred! Ich bin Nadia Shirayuki, aber das kannst du dir wahrscheinlich in deinem Zustand nicht merken. Und ich habe mit dieser Sache nichts zu tun, was schlimmer ist, als eine Entführung. Aber du hörst ja nicht auf mich.» In der Tat hörte Ross sie nicht mehr, weil er wieder weggetreten war.
Seine Nase schmerzte so als habe er einen Felsklumpen mitten im Gesicht. Selbst in sein Gesichtsfeld warf die Nase einen leichten Grauschleier. Und so saß Uri Nachtigall in seinem Zimmer, schaute nachdenklich aus dem Fenster auf den Garten und fragte sich, was sich in seinem Leben nun mehr abspielte. Sein schöner Babybenz war mit Motorschaden in der Werkstatt, er freiwillig und aus Neugier in einem Sanatorium zweimal zusammengeschlagen von einem brutalen Kommissar, von dem er gar nicht wusste, was er von ihm wollte. Er musste auch an die sympathische Taxifahrerin denken, die ihn in das Sanatorium zurückgefahren hatte. Aber es waren keine bestimmten Gedanken, die er mit ihr verband. Er brauchte nicht viel zum Arbeiten. In heutigen Zeiten passte alles in einen einzigen Rucksack, auf zwei, drei Festplatten und in ein ThinkPad. Vieles von seinen alten Habseligkeiten hatte er im Keller des Theaters eingelagert, als dessen „Hausphilosoph“ er fungierte. «Wenn das Team mich vermisst hätte, hätten sich die Kollegen ja melden können», ging es ihm durch den Kopf. So wichtig schien seine Anwesenheit im Theater nun nicht zu sein. Er seufzte tief, während ihm draußen im Garten ein Jäger mit Jagdhunden auffiel. Zugleich erklang in der Ferne eine Violine.

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