Auf dem Rückweg in die Stadt trifft am Wegesrand Hoffmann auf Nadia; er nimmt sie mit, starrt auf ihre Beine in schwarzen Nylons; sie spricht ihn darauf an: «Möchten Sie mal anfassen?» SOKRATES Folge 281:

Uri Bülbül
Finsternis und in der Ferne die Violine. Immer dieselbe Melodie. Das konnte nicht sein. Das war unwirklich, das war ein Albtraum. Und da war die Stimme, deren Wärme er mochte, selbst dann, wenn sie wahrlich nichts Freundliches zu sagen hatte: «Du mieser Vergewaltiger! Du Schuft!» «Nein, das ist nicht wahr. Ich... ich...» «Ja, du... du... du... Was ist mit dir?» Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, verlor ständig den Faden, kam bevor er einen Satz denken konnte, auf hunderte Ideen – wilde Bilder schoben sich zwischen Subjekt und Prädikat. Was war mit ihm? Er streckte seine Hand in die Finsternis, weil er das Gefühl hatte, er könnte sie fast berühren, so nah war die Stimme ihm oder Johanna? Er tastete blind und beührte natürlich niemanden. Die Stimme war nur in seinem Kopf, auch wenn sie nicht dahin gehörte. Wie sollte sie in seinen Kopf gekommen sein? Er hatte das Gefühl, neben Johanna zu liegen. «Jawohl, Herr Ministerialdirigent», stammelte er. Das Wort „Ministerialdirigent“ zu buchstabieren, dauerte so lange wie einen Roman zu schreiben. Die Silben lösten sich in geschwollenem Gelalle auf. Seine Zunge war träge, sein Gaumen wüstentrocken. «Durst!» The fiedler on the roof! Menschen zogen an brennenden Häusern vorbei. «Trink nichts mehr von diesem Wasser! Du wirst dich noch umbringen!» Die Fee im schwarzen Kleid, mit schwarzer Strumpfhose und schwarzen Schuhen – schwarzen Haaren und schwarzen Augen... wie sollte er sie in der Finsternis sehen können? Und woher wusste er, dass sie es war, die so warnend und vorwurfsvoll zu ihm sprach? Er träumte von ihren kräftigen, schönen Lippen, von ihrem Mund. Nur er konnte so zu ihm sprechen. «Du halluzinierst», sagte sie milde, fast schon etwas mitleidig. «Darf ich hoffen?» lallte er. «Ja, ja, man sagt: die Hoffnung stirbt zuletzt. Sagt man das nicht so?» Gott, konnten Menschen langweilig sein!
Auf dem Rückweg in die Stadt traf am Wegesrand Hoffmann auf Nadia; er war spät dran, hatte es eilig, wenn er die Richterin nicht allzu lange warten lassen wollte. Da sah er eine Frau mit einer roten Baskenmütze den Waldweg entlang schlendern. Sie drehte sich langsam um, als sie den Wagen hörte und streckte den Daumen raus. Der Kommissar bremste sofort. «Nehmen Sie mich ein Stück mit, Herr Kommissar?» «Ja, sehr gerne, steigen Sie ein. Wohin möchten Sie?» Als sie neben ihm im Auto saß und sie anfuhren, starrte Hoffmann auf ihre Beine in schwarzen Nylons, was ihr nicht entging; «Möchten Sie mal anfassen?» «Oh, nein, nein. Bitte entschuldigen Sie. Schlimm genug, dass ich meine Blicke nicht unter Kontrolle hatte. Ich möchte Sie auf gar keinen Fall belästigen.» Hätte er etwas anderes gesagt und anders reagiert, wäre dies sein Todesurteil gewesen und Nadia hätte ihn an einem Herzinfarkt augenblicklich sterben lassen. «Ich möchte in der Stadt eine Freundin besuchen. Sie liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation.» «Woher wussten Sie, dass ich Kommisar bin? Hat sich das so schnell herumgesprochen im Hattinger Wald?»

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Vanity@Gehirn_Zelle