Der eine Kommissar sitzt in einer Blackbox und es geht ihm alles andere als gut; der andere hat eine Seite, die man ihm nicht zugetraut hatte. Der Detektiv ist perplex, obwohl der wahre Grund, um die Kinnlade fallen zu lassen, noch aussteht. SOKRATES Folge 283:

Uri Bülbül
Susanna Kyrill war die beste ihres Jahrgangs im Abitur, im Studium, im Referendariat. So konnte sie die jüngste Amtsrichterin der Republik werden, ohne dass es irgendjemanden verwunderte, der sie kannte. Wie die Sonne Butter zum schmelzen brachte, so schmolzen vor ihren funkelnden, meist freundlich schauenden Augen die Probleme, Fragen; Knoten lösten sich, wo Berge von Unmöglichkeiten sich auftürmten, taten sich plötzlich Wege und Pfade auf. Antonio staunte, dass sie wie selbstverständlich aufstand, um den dicken, behäbigen Mann zu begrüßen, der gerade das Lokal betreten hatte und kurz suchend sich umsah, bis er sie entdeckte. Er kam auf den Tisch zu, an dem die Richterin platz genommen hatte, sie streichelte vertraut seine Wange, küsste ihm zärtlich auf den Mund. Als beide wieder saßen; er war um den Tisch gegangen und hatte höflich ihren Stuhl zurecht gerückt, fragte sie ihn ganz vertraut und selbstverständlich: «Was hast du erlebt? Ist dir jemand begegnet?» Antonio stand leider zu weit weg, um den Inhalt des Gesprächs zwischen der schönen Richterin und dem dicken Kommissar akustisch verstehen zu können. Aber die Neugier trieb ihn selbstverständlich servil an den Tisch: «Was darf ich Ihnen bringen, Herr Kommissar?» Hoffmann hatte längst bemerkt, dass Antonio vor Neugier platzte, aber er hatte auch Niklas Hardenberg bemerkt, der etwas debil dreinschaute, weil er mit dieser Szene im Restaurant scheinbar überhaupt nicht gerechnet, sich aber dafür umso mehr Chancen bei der schönen Richterin ausgerechnet hatte. Aber Hardenberg und Antonio waren im Moment unwichtig für Hoffmann. Er hatte dennoch geschwiegen und sich mit seiner Antwort auf Susannas Frage Zeit gelassen. Wie sollte er dieses Phänomen erklären? Sein Leben wurde langsam aber sicher seit einigen Monaten umgestülpt. Seit er Susanna kennengelernt hatte, war eigentlich nichts mehr wie vorher und langsam aber sicher änderte sich alles – von seinen Blutwerten angefangen bis zu den Menschen, mit denen er es beruflich zu tun hatte. Die kleineren Gewaltverbrechen, die Einbrüche, die Diebstähle, der Raub von Jugendlichen an älteren Menschen begangen, Betrügereien; all die Dinge, die sein Leben gefüllt aber ihn nie erfüllt hatten, zogen sich zurück wie das Meer bei Ebbe. Und ganz andere Dinge kamen zum Vorschein. Er fühlte sich wie auf einer Wattwanderung durch seine Seele. Etwas Bedrohliches, was er nicht zu befahren wusste, wie das Meer, worin er zu ertrinken drohte, zog sich etwas aus seinem Leben und legte den Bodensatz frei, eröffnete eine ganz neue Landschaft; zwar alles Grau in Grau, aber doch in der Vielfalt bunt. Und nun geschahen auch sonderbare Dinge, kleinere Wunder, bei denen man nicht umhin kam, verwundert zu sein, aber die einen nicht ängstigten. Vielleicht war Susanna Kyrill, die schöne Richterin, ja eine Märchenfee. Vielleicht aber auch eine Hexe und vielleicht hatte sie mit alldem nichts zu tun. Wer wusste das schon?

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Vanity@Gehirn_Zelle