Ja, einen guten Hermeneuten könnte auch SOKRATES benötigen: Friedhelm Förster, Betti und Lara begegnen sich auf dem Parkplatz hinter der Villa. Lara hat keine Lust auf einen Spaziergang und die Realitäten zwischen ihr und ihrer Mutter verschieben sich. SOKRATES Folge 286:

Uri Bülbül
Lara hatte keine Lust auf einen Spaziergang. Ihr war ganz seltsam bei dem Gedanken, mit ihrer Mutter die Wege abzuschreiten, die sie angeblich oder womöglich mit Basti gegangen sein sollte. Für sie war die Welt in Ordnung, alles fühlte sich normal an. Sie hatte ein Nickerchen auf der Parkbank im Garten in der Nähe des Gartenhäuschens gemacht – und das war's! Bettis Realität und die ihrer Tochter stimmten aber genau an dieser Stelle nicht überein. Betti hatte einen sehr kummervollen Nachmittag, Abend, Nacht hinter sich, war lange auf der Suche nach ihrer Tochter durch den Wald geirrt, war mit einem rasenden Porschefahrer zusammengestoßen, der angeblich ein Kommissar war. Sie hatte ihn überwältigt, sie war ihm entkommen und hatte die Suche nach Lara fortgesetzt. Und schließlich und endlich hatte sie bei Kommissar Hoffmann Gehör und Hilfe gefunden. Das war alles sicher nicht geträumt, während Lara sich fast einwenig störrisch in eine Art Gleichgültigkeit zurückzog. Betti nahm Notiz davon, dass ihre Tochter, die sonst sehr heftig schmollen und mißmutig sein konnte, wenn ihr etwas nicht passte, dieses Mal immerhin kooperierte, wenn sie auch offensichtlich keinen Sinn darin sah. Sie gingen schweigend am Gesindehaus, wo Doktor Zodiac am Fenster stand, und am Parkplatz vorbei, wo Friedhelm Förster seine Spürhunde in seinen Geländewagen lotste, die irgendwie aufgebracht waren und widerspenstig bellten. Lara beachtete das kaum. Betti aber bog auf den Parkplatz ab. «Ich will Herrn Förster noch einmal danken und auf Wiedersehen sagen!» Innerlich stampfte Lara wütend auf; äußerlich blieb sie gleichgültig und kühl. Sie blieb einfach stehen, ohne ihrer Mutter zu folgen! Und Betti ließ ihre Tochter einfach stehen, um zu dem dicken Mann auf dem Parkplatz am Geländewagen zu gehen. Worüber die beiden sich unterhielten, konnte Lara nicht verstehen und trotzig nahm sie den Standpunkt ein, dass sie das auch nicht interessierte. Aber sie konnte auch nicht davon ablassen, ihre Mutter und den dicken Förster aufmerksam zu beobachten, was ihr selbst äußerst mißfiel. Der Mann schien irgendwie beunruhigt. Es war kein Abschied mit Smalltalk, was sich auf dem Parkplatz abspielte. Lara wurde nun auch etwas unruhig; denn sie wollte eigentlich schnell wieder nach Hause – weg von all diesen Leuten, weg von der Villa, weg von Basti, Schwester Lapidaria, Doktor Zodiac, Uri Nachtigall. Sie wollte wieder in ihre eigene Welt zurück, sie wollte zu ihrer Katze, zu Blumen, zu ihren Fotografien und Büchern. Die Villa gefiel Lara mit einem Schlag nicht mehr. Die Ferien hier waren für sie zu Ende. Sie hatte genug davon! Betti aber schien von dem, was der Dicke auf dem Parkplatz erzählte, ergriffen zu sein, was wiederum Lara gar nicht behagte. «Mama! Kommst du jetzt!» rief sie voller ungeduld und mit kindlichem Trotz über den Platz. Der Förster sah zu ihr herüber; ihre Mutter aber reagierte nicht auf den Ruf. Lara mochte den Blick des Mannes nicht.

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