Wer Kant kennt, kann nicht kentern, heißt es; was aber wenn die Welt in eine Schieflage geraten ist? SOKRATES Folge 287:

Uri Bülbül
Der Förster hatte etwas Beunruhigendes und die Hunde mit ihrem Gebell gingen Lara auf die Nerven, obwohl sie im Wagen eingesperrt waren. Etwas hatte sie zutiefst beunruhigt. Das mochte Lara ebenfalls nicht. Wieder rief sie voll trotzigen Unmuts: «Mama!» Und wieder blickte sie der Förster kurz an. Betti ließ sich von den Launen ihrer Tochter nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Irgendetwas zog Lara magisch auf den Parkplatz; sie war zu neugierig geworden, als dass sie länger hätte im Abseits auf ihre Mutter warten können. Als sie aber bei den beiden ankam, war das Gespräch schon vorbei; der Förster hatte erzählt, was er erzählen wollte und hatte offenbar auch etwas von Betti erfahren, was aber die Spannung in ihm keineswegs gelöst, sondern vielmehr gesteigert hatte. Er sah Lara so an, als wäre sie ein Teil dieser Spannung. Sie erwiderte mit gleichgültiger Kälte seinen Blick, mit betonter Verständnislosigkeit, als wollte sie sagen: «Ich weiß gar nicht, was Sie von mir wollen und warum Sie mich so anstarren!» Mit einem leichten Nicken in Bettis Richtung, wandte er sich von den beiden Frauen ab und seinem Geländewagen mit den bellenden Hunden zu. «Komm, lass uns gehen. Ein paar Schritte durch den Garten in den Wald werden uns gut tun.» «Ja, aber wirklich nur ein paar Schritte», schmollte Lara, «ich habe keine Lust auf eine Wanderung.»
«Es scheint, ein geistiges Wesen sei der Materie innigst gegenwärtig, mit der es verbunden ist, und wirke nicht auf diejenige Kräfte der Elemente, womit diese untereinander in Verhältnissen sind, sondern auf das innere Principium ihres Zustandes. Denn eine jede Substanz, selbst ein einfaches Element der Materie muß doch irgend eine innere Thätigkeit als den Grund der äußerlichen Wirksamkeit haben, wenn ich gleich nicht anzugeben weiß, worin solche bestehe. [Fußnote]»
Mitten im Text stand in eckigen Klammern das Wort „Fußnote“. Sollte das eine Randbemerkung sein, die an dieser Stelle Immanuel Kant machen zu müssen glaubte? Es war einfach nur aufgeblasene, leidenschaftslose Schreiberei! Zu einer wahrhaft großen Polemik war dieser Mensch nicht in der Lage! Ja, drei Kritiken schreiben – das ging, aber eine leidenschaftliche Polemik gegen einen Geisterseher, gegen einen mutmaßlichen Betrüger – das bekam er nicht hin. Darüber musste Ben eigentlich mit dem Theaterphilosophen diskutieren. Dieser aber zog sich aus irgendeinem Grund zurück. Warum war er überhaupt hier, wenn er mit niemandem reden wollte? Er wollte gleich mit den Experten des Hauses darüber zu sprechen kommen, nahm er sich vor. Dann sortierte er seine Stifte auf dem Tisch. Alle exakt und ohne Lineal, einfach nach Gefühl, in 3 cm Abstand zueinander. Er hätte nachmessen können, aber wozu. Er hatte diese 3 cm im Gefühl. Eine Eigenschaft, die dem großen Philosophen, dem Gottvater der Kritiken zu fehlen schien. Gefühl und messbare Welt korrespondierten bei ihm nicht miteinander, sondern widersprachen sich. Eine unverzeihliche Schwäche.

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