Kann man die Temperaturen des Schweigens bestimmen; wenn man von „eisigem Schweigen“ spricht? Gibt es denn auch ein ofenheißes Schweigen? SOKRATES Folge 293:

Uri Bülbül
Die Autobahn A3 führte vom süd-westlich gelegenen Casablanca parallel zur Küste aber etwas im Landesinneren fast schnurstraks über Temara, einer Hafenstadt mit noch malerischen Winkeln nach Rabat, machte in der Nähe der Gare de Rabat Ville einen Knick nach rechts und führte zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Auf dem Weg entging es Philomena nicht, dass es eine Haltestelle für Busse Richtung Flughafen gab, wobei sie sich fragte, ob Rabat auch einen Flughafen besaß oder ob sie wieder von Casablanca Airport aus von hier wegkommen musste. Im Auto war die ganze Zeit über nicht mehr gesprochen worden. Fast mehr als eine halbe Stunde herrschte einfach nur Schweigen. Über die gefühlte Temperatur dieses Schweigens wollte sich Philomena schon keine Gedanken mehr machen. Phantasielos hätte man es als „eisig“ bezeichnen können, aber der Druck in ihr war sehr hoch und ihre Stimmung durchaus explosiv, auch wenn sie sich sehr gut unter Kontrolle hatte, um sich keine Blöße mehr gegen diese Frau zu geben, die sie nicht als eine Freundin oder Verbündete für sich gewinnen konnte, wie es ihr mit dem Käptn gelungen war. Den Eingang zur Botschaft sicherte ein blaues von Rosen und Efeu überranktes Tor, wobei Philomena unter dem Grün durchaus Eisenspieße und Stacheldraht vermutete. Sie war fest entschlossen, sich nicht länger als unbedingt nötig hier vom Botschaftspersonal aufhalten zu lassen. Was sie ein wenig verwunderte, war, dass ihre Begleiterin sie überhaupt nicht auszufragen versucht hatte. Sie juckte es zwar in den Fingern, etwas aus dieser Frau herauszukitzeln. Aber sie hielt den Drang zurück, denn jeder Vorstoß bedeutete auch, die eigene Deckung aufzugeben. Ohne Kontrollen ging es am Sicherheitsdienst vorbei in den zweiten Stock des Gebäudes. Das Personal kannte Pseudonym, grüßte höflich und ließ sie und ihre Begleitung respektvoll passieren. Im zweiten Stock schien Pseudonym ihr Ziel erreicht und damit wahrscheinlich auch ihren Auftrag erfüllt zu haben. Sie wartete nach dem Anklopfen kurz auf ein „Herein“ und trat ein, als es durch eine männliche Stimme hörbar wurde. Ein dicker glatzköpfiger Mittvierziger mit einer runden Hornbrille sprang freundlich strahlend aus seinem Sessel. «Alice! Wie schön, dass du kommst! Und Philomena, nehme ich an! Herzlich Willkommen!» Er breitete seine Arme so aus, als wollte er die beiden Frauen gleichzeitig umarmen. Die als „Alice“ angesprochene Pseudonym @Gehirn_Zelle blieb steif und ungerührt und Philomena zögerlich distanziert. Ein lebensfrohes Rädchen, ein rundes Männchen in der Maschinerie, die Philomena von ihrem Auftrag abgezogen hatte. Wussten diese Menschen überhaupt, wofür sie arbeiteten außer für ihr Gehalt und den Erhalt der Regeln, die die Maschine zusammenhielt und schmierte? «Guten Tag, Herr Attaché!» sagte Philomena bei einem nichtssagenden Händedruck seinerseits. «Nehmen Sie Platz, meine Damen!» Er wirkte überschwenglich freundlich, zugleich aber auch machtbewusst.

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