Oh nein, nun wurde ich auch noch als „bescheiden“ eingestuft! Ganz und gar unbescheiden geht es gleich mal mit SOKRATES, dem kafkASKen Fortsetzungsroman weiter. Basti und Viktor unterhalten sich. Folge 296:

Uri Bülbül
«Siehst du? Das ist das, was mir Probleme macht! Und darüber habe ich zuletzt gegrübelt und grüble und grüble, kann gar nicht mehr aufhören, darüber zu grübeln und zu forschen und zu fragen: Was ist das „richtige Leben“?» Basti wollte etwas sagen, aber Viktor hob die Hand als Zeichen, dass er nicht unterbrochen werden wollte: «Was ist das Leben überhaupt? Ein anderer Kollege hatte das mal so formuliert: er suche „das Band, das die Welt im Innersten zusammenhält“! Ich denke, wenn ich weiß, was das Leben ist, dann weiß ich auch, was die „Welt im Innersten zusammenhält“! Und ich forsche nicht erst seit gestern. Aber der Kollege, der es mit dem Band gesagt hat, er ist noch älter als ich.» Basti hatte aufmerksam zugehört. «Ich glaube, wir liegen gar nicht so weit auseinander, Viktor», sagte er in einem sehr ernsten Tonfall. «Das Geheimnis ist das Leben. Und das Leben ist ein Geheimnis. So drehen wir uns im Kreis», sagte Viktor. Basti hatte den Sinn der Worte in etwa zwar verstanden. Aber sie beschäftigten ihn nicht so sehr wie der traurige Tonfall in Viktors Stimme, dem Basti nachhing. Viktor wollte sich scheinbar nicht im Kreis drehen und es hatte ihn traurig gemacht, es tun zu müssen. Aber ein Karussell drehte sich auch im Kreis und die Menschen hatten Spaß daran. Konnte man nicht auch Spaß am Geheimnis des Lebens und an diesem Band haben, das die Welt im Innersten zusammenhielt? In diesem Zusammenhang tauchte vor Basti eine andere Frage auf: warum brauchte die Welt ein Band, das sie im Innersten zusammenhielt? Er sah Viktor ins Gesicht, weil er nicht ganz sicher war, ob er ihn das jetzt fragen konnte. Viktor aber erzählte weiter: «Ich habe nachts Leichen vom Friedhof gestohlen; ich habe die frisch Beerdigten in der Nacht ausgegraben und in mein Labor geschleppt. Ich war besessen davon!» «Uuuhhh! Das ist gruselig, Viktor!» entfuhr es Basti @Maulwurfkuchen. «Nein, der Tod ist nicht gruselig, Basti! Tod ist einfach nur Tod!» Wieder machte Viktor die Geste mit der Hand, um sich nicht unterbrechen zu lassen. Aber dieses Mal wollte Basti gar nichts sagen. Vielmehr schien Viktor mit sich selbst im Zwiegespräch: «Ich weiß, ich weiß: man erklärt ein Wort nicht durch sich selbst! Selten ist eine Tautologie geistreich. Die Verdreifachung sollte eine solche geistreiche Tautologie sein!» Basti verstand Viktor nicht. Das kam häufiger vor, und zwar immer dann, wenn Viktor mehr zu sich selbst als zu Basti sprach. Aber in solchen Momenten dachte Basti, dass er Viktor auch nicht unbedingt verstehen müsse, wenn er gar nicht zu ihm sprach, sondern mehr zu sich selbst! «Betrachten wir Gertrude Steins vielzitierten Satz, so kommt die Rose dreimal vor: „Die Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ kümmern wir uns also um die dritte Rose. Sie ist geheimnisvoll und wieder drehen wir uns im Kreis.» Basti verstand Viktor nicht, aber es war ihm nicht egal. Darum meldete er sich zu Wort: «Viktor, was redest du da?» Viktor schüttelte sich. «Was „was rede ich da“?»

View more