Aus dem Nebel tauchen Gespenstern gleich Gestalten auf, singen Seeräuberlieder und nehmen Rudi mit. Auch Ross droht alsbald zu einem Gespenst zu werden. Gibt er sich in der Finsternis auf? SOKRATES Folge 297:

Uri Bülbül
Während der Nebel über dem Bassin immer dichter wurde, nahm Rudi einen vertrauten Geruch wahr, der ihn an etwas erinnern sollte. Rudi aber hatte keine rechte Erinnerung, woran auch immer. Aber der Geruch war zweifellos vertraut, auch wenn es nach gar nichts Vertrautem und Schönem aus seinem Leben roch wie zum Beispiel frische und feuchte Humuserde. Er konnte verschiedene Lehmsorten am Geruch erkennen und auch den Sand und Kieselanteil in der Erde nach dem Geruch bestimmen, aber dieser Geruch, der nun seine Nase errreichte und ihn emotional aufwühlte, auch wenn er ihn nicht zuordnen konnte, -dieser Geruch gehörte nicht in seine natürliche Umwelt, aber doch mysteriöser Weise in sein Leben. Er starrte mit seinen winzigen Äuglein auf den Nebel, worin sich etwas anderes zu befinden und zu bewegen schien. Das Gegröle der Männer verstummte, man hörte nur noch ein leises Plätschern von Wasser an den Bootsplanken und womöglich an den Rudern. Hispaniola Solenodon Rudi war ganz eingenommen von dem Schattenspiel im Nebel, von den Geräuschen und den Gerüchen. Von Moos und Moder. «Da bist du! Du kleine Ratte!» Plötzlich verlor Rudi den Bodenkontakt; zwei gewaltige Hände wie Baggerschaufeln, packten ihn und schaufelten ihn in die Höhe. «Du kleiner Ausreißer! Jetzt habe ich dich wieder!» Doch zugleich, wie Rudi in die Höhe gerissen wurde, fiel ein schwerer Männerkopf auf den Boden und kullerte ein, zwei mal, bis er mit aufgerissenen blauen Augen und aufgerissenem Mund in den Himmel starrend und schreiend liegen blieb. Störtebeker! Plötzlich konnte Rudi den Geruch von Rum und Tabak erkennen und dem alten Piraten zuordnen. Jetzt erinnerte er sich auch an den leckeren Madensalat, den er von seinem Herrn und Meister zu essen bekam. So finster wie Alfred Ross' Aussichten waren Rudis jedenfalls nicht! Rudi hörte auf, wie wild zu strampeln und mit seinen langen Krallen Löcher in die Luft zu kratzen. Er wurde auf der breiten Schulter des kopflosen Mannes platziert. Dann ging der Mann auf die Knie und tastete wie ein Blinder den Boden nach dem Kopf ab, den er auch bald zu fassen bekam. «Ich bin froh, dass er mir nicht schon wieder ins Wasser gefallen ist», brummte der Pirat.
Weit, weit weg vom Bassin im Hattinger Wald in der Finsternis der Black-Box im Stauraum des Airbus der Bundesluftwaffe erklang Gitarrenmusik. «Nadia? Bist du da? Spielst du auch Gitarre?» stammelte Alfred Ross. Träumte er? Wachte er? Halluzinierte er? Würde am Ende dieser Finsternis irgendwann wieder Licht sein? Würde die Finsternis überhaupt wieder ein Ende finden? Allmählich beschlich Alfred Ross das Gefühl einer nie enden zu wollenden Dunkelheit, in die er für immer versinken würde, was dem Tod gleichkam. Fühlte sich Sterben so an? Gab es überhaupt eine allgemeine Regel für das Sterben? Konnte es sich nicht individuell verschieden anfühlen? «Du bist ja ein richtiger Philosoph geworden auf dieser Reise!» spottete Nadia. «Bist du mein Todesengel?» fragte Ross. «Ich bin kein Engel», erwiderte sie.

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