Zwei Frauen und keine Gemeinsamkeit - SOKRATES Folge 301

Uri Bülbül
Da saßen @Phinaphilo und @Gehirn_Zelle in der Hotellounge bei einem Tässchen Mokka und frischem, kühlem Wasser dazu, knackten Pistazien, naschten Datteln, wobei Alice sich eher an die Pistazien und Philomena an die Datteln hielt und hörten allmählich auf, sich gegenseitig zu belauern. Doch ein breiter Strom an Informationsfluss entstand trotzdem nicht zwischen ihnen. @Gehirn_Zelle fragte: «Wer ist dieser Adonis? Und wohin ist er unterwegs? In wessen Auftrag?» «Genau das versuchte ich ja herauszufinden. Aber ich wurde aus dem Flugzeug abgezogen. In wessen Auftrag geschah das eigentlich?» Alice zögerte kurz. Aber dann beschloss sie gegen ihre sonstige Gewohnheit mit offenen Karten zu spielen. Schließlich vergab sie sich nichts, denn es ging nicht um ihr persönliches privates Leben, sondern um eine Angelegenheit in der Botschaft: «Ich bekam einen Anruf vom Militärattaché @Graf_Otto, er fragte, ob ich in einer Angelegenheit kurzfristig einspringen und etwas erledigen könne; die Crew einer zivilien Maschine des Verteidigungsministeriums müsse in Casablanca gegen eine andere ausgetauscht werden; ich solle die Flugbegleiterin abholen und nach Rabat bringen. Die Piloten sollten in Casablanca bleiben; sie würden ihren Marschbefehl in einem Umschlag erhalten, den ich dem Käptn des Flugzeugs zu übergeben hätte. Und so geschah es dann auch. Und fertig.» Und schon wieder war da diese passiv-aggressive Strenge in ihrer Stimme wie ein Schutzschild. Ob @Gehirn_Zelle erwartete, dass Philomena im Gegenzug ihren Auftraggeber verriet? Etwas Offensichtliches gegen etwas Geheimes? Das wäre ein schlechter Tausch geworden. «Ich verstehe nicht, was der Referent in der Botschaft genau wollte», sagte Philomena. Es klang nicht unkooperativ. «Er übergab mir den Umschlag für die Piloten und sagte, ich solle Sie zu ihm bringen.» «Vielleicht müsste ich mit dem Militärattaché selbst sprechen», sagte Philomena. «Er ist ein guter alter Freund von mir.» Gerade wollte Alice Philomena das Du anbieten, aber sie überlegte es sich schnell anders. «Ja, das sollten Sie vielleicht.» Alice war im Rückzug begriffen. Aber das tat Philomena Leid; sie wollte eine mögliche Freundschaft, die mißtrauisch begann, nicht zu früh aufgeben: «Sie könnten mir doch dabei behilflich sein; Sie arrangieren ein Treffen und sind einfach auch dabei – sozusagen die Dritte im Bunde.» @Gehirn_Zelle trank ihre Tasse leer und ein Glas Wasser zum Nachspülen. «Ich muss jetzt gehen. Werde heute darüber nachdenken und melde mich morgen bei Ihnen.» Philomena gab ihr ihre Mobilnummer. Nach dem Abschied ging sie sofort auf ihr Zimmer, setzte sich an ihren Laptop, um ihren Rückflug nach Deutschland zu organisieren. Alice kehrte zur Botschaft zurück; sie hätte auch nach Hause fahren können; aber vom Botschaftsnetzwerk aus konnte sie andere Dienst- und Informationsstellen erreichen als von Zuhause. Und es gab doch noch einiges herauszufinden.

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